Pressekonferenz - Presseclub Frankfurt - 07.06.1999

Am Abend des 21.November 1998 wurden meine Eltern Dariush und Parwaneh Forouhar, die zu den führenden oppositionellen Politikern im Iran gehörten in ihrem Haus in Teheran auf brutalste Weise ermordet.

Noch sechs Monate danach und nachdem weitere Morde geschehen sind, gibt es keine konkretten Ermittlungsergebnisse.
Mein Bruder Arash und ich sind sofort in den Iran aufgebrochen als uns die Nachricht von der Ermordung unserer Eltern erreichte.
Auf die Frage des verantwortlichen Ermittlungsrichters, ob wir Anhaltspunkte zu Klärung der Morde an unseren Eltern liefern könnten, haben wir uns bereits in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes im Iran schriftlich dahingehend geäussert, dass unser Elternhaus vom Informationsministerium sowohl optisch als auch akustisch überwacht wurde. Wir meinten, dass hier die Hauptspur aufzunehmen sei.

Am 5.Jan.1999 gestand das Informationsministerium der Islamischen Republik in einer offiziellen Erklärung ein, dass Angehörige dieses Ministeriums zum Täterkreis gehörten. Die Namen und die jeweiligen Positionen dieser Personen sind jedoch nach fünf Monaten nicht veröffentlicht worden.
In der letzten Dezemberwoche 1998 wurden die Akten zum Mord an meinen Eltern, Mokhtari und Pouyandeh der Militärstatsanwaltschaft übergeben. Ein Vorgang der gesetzlich strittig ist und die Gefahr heraufbeschwört, dass sämtliche Ermitlungen vor der Öffentlichkeit verborgen, hinter verschlossenen Türen durchgeführt werden und jede Kontrolle unmöglich gemacht wird.
Der für die Akte zuständige Militärstaatsanwalt äusserte sich am 20. Jan. 1999 zum Tathergang. Seine Ausführungen stehen in krassem Wiederspruch zu den Fakten, die wir vom ersten Ermittlungsrichter erhalten hatten. Unter anderem der Zeitpunkt und der Vorwand des Eindringens der Mörder in das Haus und die Gründe warum meine Mutter sich im oberen Stockwerk aufhielt, und schliesslich dort ermordet wurde. In der letzten offiziellen Erklärung des Militärstaatsanwaltes vom 3.Mai 1999 hiess es, dass die Ermittlungen noch im Gange seien und dass bis Jahresfrist nicht an eine Eröffnung des Verfahrens zu denken sei. Tatsache ist jedoch, dass unsere Anwältin trotz wiederholter Vorsprache bis Dato keine Akteneinsicht erhalten hat.
Direkt nach unserem Eintreffen im Iran verlangten mein Bruder und ich die Freigabe unseres Elternhauses, das von Ordnungskräften besetzt war. Erst zehn Tage nach dem Mord wurde das Haus freigegeben. Offiziell erklärte man uns, dass man Spuren sichere. Das Bild das sich uns darbot, als wir das Haus betraten, zeugte davon, dass hier geplündert worden war. Alles lag wahllos herum; Papiere, Bücher, Zeitungen, sogar persönliche Kleidungsstücke. Wir dokumentierten diesen Zustand. Aber bei genauerem Hinsehen bemerkten wir, dass zahlreiche politische Unterlagen unserer Eltern verschwunden waren. Darunter Notizen meines Vaters über Welajat Faghih, seine politische Aufzeichnungen, die letzten Gedichte meiner Mutter, sämtliche Adress- und Telefonlisten, Ton- und Videobänder von deren Interviews und politischen Zusammenkünften. Wir erstatteten offizielle Anzeige wegen des Zustands des Hauses und verlangten eine vollständige Liste aller beschlagnahmten Gegenstände. Bis heute haben wir nichts dergleichen erhalten.
Am 28. November 1998 erhielten wir die rechtmedizinischen Berichte. Danach waren an der Leiche meine Mutter 24 Einstiche in der Brustgegend, Blutergüsse an Mund und Hals festgestellt worden. Am Körper meines Vaters waren 11 Einstiche in der Brustgegend festgestellt worden. Als der Ermittlungsrichter diese Berichte übergab merkte er an, dass noch weitere Untersuchungen anhängig seien und darüber ergänzende Berichte übergeben würden. Bis jetzt haben wir nichts erhalten.
An der Beerdigungszeremonie am 26. November 1998 und an weiteren Trauerfeierlichkeiten am 30. November, 2., 28. und 31. Dezember , an denen auch die Gedenkzeremonien für die ermordeten Schriftsteller abgehalten wurden, erschienen trotz der agressiven Präsenz von Ordnungs- und Sicherheitskräften eine bis dahin beispiellose Anzahl von Trauernden und bekundeten ihren Zorn und ihre Betroffenheit angesichts dieser Verbrechen.
Es kam zu zahlreichen Festnahmen und tätlichen Angriffen von seiten der Sicherheitskräfte.

Am 7. Januar 1999 verfassten mein Bruder und ich, aus Frustration über die schleppenden Ermittlungen und die zahlreichen Wiedersprüche eine Erklärung, in der wir die Entsendung einer Juristengruppe, bestehend aus Vertretern internationaler Nicht- Regierungsorganisationen, zur Überprüfung der Ermittlungen, verlangten. Aber wir erhielten auf unsere berechtigten Forderungen, die auch von anderen Hinterbliebenen der Verbrechenswelle unterstützt wurde, bis jetzt keine Antworten.
Die verantwortlichen Politiker im Iran haben sich von Beginn an in zahlreiche widersprüchliche Aussagen verwickelt. Viele von ihnen haben die Verbrechen ausländischen Spionageorganisationen angelastet. Andere wiederum beschränkten sich auf Versprechungen, die Ermittlungen weiter führen zu wollen.

Seit mein Bruder und ich aus dem Iran zurückgekehrt sind, haben wir in Form von Pressekonferenzen und Kontakten mit Menschenrechtsorganisationen und Politikern versucht für unsere Sache, das heisst für die Hinterbliebenen dieser barbarischen Verbrechen, eine Öffentlichkeit zu schaffen. Im Mai 1999 veröffentlichten wir einen Brief um noch einmal unsere Trauer über den Verlust unserer Eltern zu zeigen, um Gerechtigkeit von den Verantwortlichen zu fordern. Zur gleichen Zeit schrieben 325 Persönlichkeiten aus Politik und Kultur in Teheran einen zweiten Offenen Brief gleichen Inhalts. Auch dieser erregte grosses Aufsehen. 
Wir glauben, dass nur durch öffentlichen Druck im Iran und im Ausland die Wahrheit dieser unmenschlichen Agression zu Tage treten kann. Im Namen all der Opfer bitte ich sie um ihre Unterstützung.
Wenn wir heute diesen Fanatikern nicht die Stirn bieten, wie es die Opfer getan haben, werden viele weitere Demokraten im Iran Ziel von Willkür und Verbrechen.

Parastou Forouhar

blog.parastou-forouhar.de                                                                                                                                       © Parastou Forouhar