Ich schreibe Ihnen diesen Brief, um Sie nach meiner Reise in den Iran im Oktober 2002 über den weiteren Verlauf der Aufklärung der politischen Morde vom Herbst 1998 im Iran zu informieren.
Meine Eltern Dariush und Parwaneh Forouhar, beide oppositionelle Politiker, waren die ersten Opfer dieser Mordserie.
Ich möchte Sie auch über die Situation von Herrn Dr. Zarafshan, unseren Anwalt, unterrichten, der als Folge seiner Arbeit seit Juli 2002 in Tehran inhaftiert worden ist. Er ist zu fünf Jahren Gefängnis und fünfzig Peitschenhieben verurteilt worden.
Ende September 2002 hat Herr Seyfollah Golkar, ein weiterer Anwalt unserer Familie, eine offizielle Klage gegen Herrn Dori Najafabadi, den in der Zeit der Morde amtierenden Informationsminister, bei der obersten Staatsanwaltschaft im Iran eingereicht. Diese Klage begründete er mit den offiziellen Aussagen der in der Akte beschuldigten.
Die Beschuldigten, Beamten des Informationsministeriums, haben ausgesagt, daß sie die Mordbefehle vom damals amtierenden Informationsminister erhalten hätten. In dieser Sache wurde bisher nicht rechtmäßig ermittelt.
Eine Kopie der Klage hatte Herr Golkar beim zuständigen Untersuchungsausschuß des Parlaments vorgelegt, und auch an den Präsidenten der islamischen Republik, Herrn Chatami, gesandt. Bis jetzt
hat er von keiner Stelle Antwort auf seine Klage bekommen. Er berichtete mir, daß er seitdem massiv beschattet werde und einige Drohanrufe erhalten habe.
Mein Antrag, Herrn Dr. Zarafshan im Ewin Gefängnis zu besuchen, wurde abgelehnt. Von seiner Frau erfuhr ich, daß die fünfzig Peitschenhiebe noch nicht vollzogen worden sind. Sie war der Meinung, daß die Proteste gegen seine Verurteilung in der Öffentlichkeit, besonders im Ausland, eine positive Wirkung auf seine Haftbedingungen gezeigt hätten. Sie hofft auf weitere Unterstützung.
Die Versuche Dr. Zarafshans, eine weitere Revision seines eigenen Verfahrens zu bewirken, sind bis jetzt erfolglos geblieben.
Außerdem habe ich mich bemüht, die Fakhr- Moschee, in der wir bis jetzt die Zeremonie zum Andenken an den Todestag meiner Eltern abgehalten haben, auch dieses Jahr wieder anzumieten, was mir aber verweigert wurde. Wenn weitere Versuche, einen öffentlichen Ort für die Veranstaltung zu bekommen, scheitern, werden wir die Zeremonie in meinem Elternhaus abhalten.
Der massive Druck auf Andersdenkende im Iran hat zugenommen. Eine große Gruppe von ihnen steht unter Anklage und wird vom Justizapparat schikaniert. Alles, was ihnen jetzt noch zu tun übrig bleibt, läßt ihre Situation noch bedrohlicher werden. In einer solchen Situation wird internationale Unterstützung überlebensnotwendig.
In der Hoffnung auf Ihre Unterstützung verbleibe ich mit freundlichen Grüßen.
Parastou Forouhar