Der Brunnen symbolisiert sowohl in der christlichen wie auch
in der islamischen Vorstellung den Lebensbrunnen. Die reinigende, rituelle
Wirkung ist auch heute noch in der christlichen Religion im Weihwasserbecken
der Kirchen und in der islamischen in den Becken und Brunnen der Moscheen
präsent. Die erlösende Bedeutung, der Hinweis auf einen paradiesischen Zustand
wird in Forouhars Arbeit allerdings konterkariert.
Zu sehen sind in ihrem Brunnen computeranimierte Figuren in
tänzelnden Bewegungen. Was auf den ersten Blick wie eine spielerische
Reigenchoreographie erscheint, erweist sich als krude Folterdarstellung.
Wie ein Uhrwerk dreht sich der Kreis erbarmungslos weiter.
Es entsteht eine Spannung zwischen dem Dargestellten und der ästhetischen Form:
Einerseits schockiert das Thema der Folter, andererseits werden die Figuren wie
in einem Kaleidoskop ornamental gruppiert.
Alle Gestalten sind hautfarben in schablonenhaften Umrissen
dargestellt. Die Nivellierung wird potenziert durch die Computergenerierung der
Figuren, unter denen es weder Einzigartigkeit noch die Differenz von Original
und Kopie gibt. Die Digitalität gewährleistet berechnete Körper, die in ihrer
Gleichheit kein Individualitätsmerkmal tragen.
Weder ist erkennbar, wo das Geschehen situiert ist, noch
warum gefoltert wird. Gerade weil die vermeintliche Schuld nicht genannt wird,
erhält das Geschehen einen kafkaesken Zug. In der „Strafkolonie“ Kafkas ist
nach dem Grundsatz eines Offiziers die Schuld „immer zweifellos“ . Bei Forouhar
wird das sich immer weiterdrehende Rad der Folter ad absurdum geführt.
In der traditionellen Ikonographie werden Folterszenen
hingegen kontextualisiert. Das Buch Antonius Gallonius’ „De Sanctorum martyrum
cruciatibus“ aus dem 16. Jahrhundert etwa beschreibt minutiös die Torturen
christlicher Märtyrer. Nach
typologischen Gesichtspunkten werden darin die Marterwerkzeuge und deren
Anwendungen klassifiziert. Auch wenn die systematische Aufgliederung
verschiedener Foltermethoden eher Schaulust denn Bedürfnisse nach christlicher
Sinngebung befriedigt, bleibt die religiöse Legitimation des Buches bestehen.
Die künstlerisch-dekorativen Arrangements der Torturwerkzeuge mit Palmen und
Bändern in den Graphiken mindern den Schrecken, nobilitieren und ästhetisieren
die Instrumente. Forouhars typisierte Figuren erinnern an diese
Buchillustrationen ebenso wie an persische Miniaturen, in denen die Gestalten
ebenfalls nicht individualisiert sind und in ornamentale Strukturen eingebunden
sind.
Auch der Titel „Spielmannszüge“ verweist auf Uniformierung,
so marschieren die Trommler und Pfeiffer zu der Musik im Gleichschritt.
Zugleich aber beinhaltet der Titel auch etwas Spielerisches – das Changement
zwischen scheinbarem Spiel und grausamem Ernst ist darin bereits angelegt.
Alexandra Karentzos - Stille Wasser gründen tief…


