Blinder Fleck unter dem Tschador
Zwei Ausstellungen mit Arbeiten von Parastou Forouhar in Frankfurt
Christoph Schütte
FAZ, 10.04.2002
Natürlich kennt die
Künstlerin diese Szenen. Drangsalierung und Gängelung, Repression und
Bespitzelung, Willkür und absurde Szenen bei Ämtern, Behörden und Gerichten in
Teheran. Aber anders als noch in ihrer Arbeit mit Briefen, Eingaben und
Zeitungsausschnitten, die, vor gut einem Jahr an gleicher Stelle zu sehen,
Parastou Forouhars Bemühungen um die Aufklärung des Mordes an ihren Eltern dokumentierte,
ist “Schuhe ausziehen” eine Installation, die die rein persönliche Ebene
verlässt.
Das Schaufenster des
Frankfurter Ausstellungsraums de Ligt (Oppenheimer Strasse 34a) ist
geschlossen. Allein der Bildschirm eines Fernsehers ist zu sehen, über den in
scheinbar unendlicher Folge Zeichnungen in Schwarz-Weiss vorüberziehen.
Ein knapper Satz kommentiert
die Situation vor dem Militärgericht, bei der Dokumenteneinsicht oder in einem
Imbiss: “Gerade sitzen”, “Schuhe ausziehen”.
Im Inneren des Ausstellungsraumes
hängen die von klaren, schwungvollen Linien geprägten Zeichnungen in
verkleinerter Form noch einmal an der Wand, wo man sie genauer studieren kann.
Im Hintergrund sind auf einem wandfüllenden Stadtplan der iranischen Hauptstadt
die Orte des Geschehens markiert. Und erst jetzt wird deutlich, warum die
Arbeiten so beunruhigend wirken: Keine der Personen hat ein Gesicht, nur ein
blinder Fleck leuchtet dem Betrachter entgegen. Da war sie einmal, die
Persönlichkeit, das individuelle Schicksal; hier sind alle gleich, im
schlechtesten nur denkbaren Sinne, nämlich nichts.
Nur die Mächtigen,
Ajatollahs und Militärs, heben sich ein wenig ab: Der Bart gibt ihrem Antlitz
Kontur.
Diese verschwundene,
unerwünschte Individualität steht auch im Zentrum der Fotoarbeiten der 1962 in
Teheran geborenen Forouhar, die zur Zeit unter dem Titel “blind spot” in der
“AusstellungsHalle Schulstrasse 1A” zusehen sind. Vor allem die grossen Formate
bestechen in ihrer Wirkung. Die Künstlerin, die in Teheran und an der Offenbacher
Hochschule für Gestaltung studiert hat, lichtete für diese Serie Männer im
Tschador ab und liess sie dabei so posieren, dass allein der kahle Hinterkopf
und gelegentlich eine Hand daraus hervorschauen.
Freigestellt vor rein
weissem Hintergrund, scheinen die Figuren beinahe zu schweben, wird der Mensch
unter dem faltenwefenden Tschador auf manchen Bildern zur Plastik, zu reiner,
ästhetisch als schön empfundener Form. Politische Aussage, Geschlechterfragen
und formales Arrangemant der Fotografien verschwimmen in jedem einzelnen Bild,
verunsichern und verwirren den Betrachter durch ihre ambivalente Wirkung.
Eindeutige Interpretationen verbieten sich.
Aber eines ist klar: Auch hier fehlt das Gesicht, behauptet sich statt dessen eine Leerstelle. Nur der Haarkranz, der in der gebotenen Ansicht an einen Bart gemahnt, verweist auf die Herrschaft der Ayatollahs. Der Macht und ihren Opfern, beiden, so offenbar das Bestreben Parastou Forouhars, gilt es, ein Gesicht zu geben.