Die "Orientalische Wunderkammer" von Parastou Forouhar
Die Schrift als Prinzip der Wissensvermittlung im kulturellen Dialog
Aus dem Katalog DIE QUELLE ALS INSPIRATION, Verlag der Franckeschen Stiftung zu Halle, 2002
Petra Larass
In ihrer Rauminstallation "Orientalische
Wunderkammer" vertieft Parastou Forouhar wie in vielen ihrer
künstlerischen Arbeiten die Frage nach Identität in verschiedenen
gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen.
In der Auseinandersetzung mit der Orientalistik in
den Franckeschen Stiftungen des 17. und 18. Jahrhunderts hinterfragt die in
Frankfurt lebende und in Teheran geborene Künstlerin auf subtile Weise das
gängige Verständnis von interkulturellen Dialogen.
August Hermann Francke als Universitätsprofessor für
orientalische Sprachen förderte den Dialog zwischen fremde Länder und Völker
entschieden. Zu diesem Zweck wurden primär religiöse Schriften in zahlreiche
Sprachen übersetzt und eigens am
Collegium Orientale Theologicum ausgebildete protestantische Missionare
unter anderem in den Orient gesendet. Die Studenten sollten dafür neben Latein,
Griechisch und Hebräisch möglichst auch viele andere orientalische Sprachen wie
Syrisch, Arabisch, Türkisch oder Persisch beherrschen. [1] Der Austausch von Wissen und die
sprachliche Kommunikation zwischen den verschiedenen Kulturen waren wichtiger
Bestandteil seiner pietistischen Auffassung. Dabei ging es ihm um die weltweite
Streuung pietistischen Gedankengutes, aber auch um das ernsthafte Erforschen
fremder Kulturen, deren Erkenntnisse in Form von zusammengetragenen Schriften,
Artefakten und Gegenständen als Vermittlung neuen Wissens in der Kunst- und
Naturalienkammer präsentiert wurden.
Parastou Forouhar greift in ihrer Arbeit den Aspekt
der interkulturellen Kommunikation auf. Anders als bei Francke jedoch ist
vordergründig weniger der Wissensinhalt der Schrift von Bedeutung, als vielmehr
die Schrift als Wissensvermittlung von Tradition und Identifikation. Hierbei
folgt sie der Auffassung der islamischen Kalligraphie, in der durch das
Bilderverbot des Islams, ähnlich wie im protestantischen Pietismus, das Wort
anstelle des Bildes eine elementare Rolle spielt.
Der im Ausstellungsraum schräg eingestellte „white
cube“, ein Raum im Raum, differenziert und verbindet gleichermaßen die alte von
der neuen Welt durch die Gegensätzlichkeit der historischen Wände des Gebäudes
und dem rohen Material der Außenwände des Raumeinbaus. Diese sterile Bauweise
steht im großen Kontrast zu dem glatten und poetisch gehaltenen Innenraum: In
feiner und fließender Manier sind der Boden, die vier Wände und die Decke mit
persischen Zeichen beschriftet.
In satzähnlichen Aneinanderreihungen überziehen die
orientalisch anmutenden Kürzel im konzentrischen Duktus die Wände netzgleich
und entwerfen damit neue Perspektiven. In dem sie vorhandene Ecken und Kanten
fließend überspielt verunklären sie das ursprüngliche Ordnungsprinzip des
Raumes.
Die orientalischen Schriftzeichen wirken in ihrer
kaligraphischen Ausprägung auch auf die räumliche Wahrnehmung des Betrachters.
Ihre Architektur und ihr Rhythmus haben eine bildnerische Kraft, die ihre
unvergleichliche Originalität ausmachen. Die ornamentale, mitnichten dekorative
Wirkung treibt den Betrachter wie auf Wogen in eine ihm unbekannte und zugleich
vertrauenserweckende Welt. Die persischen Silben verselbstständigen sich als
ästhetische Schmuckelemente und sind zugleich Erinnerungsformen: " Die
Schriftzeichen meiner Muttersprache, mit Liebe aneinandergereiht, definieren
einen Zwischenraum: Sie verwandeln sich in Ornamente, die nur die Erinnerung an
die Bedeutung der Worte durchschimmern lassen." [2]
Die seit dem 9. Jahrhundert tradierte islamische
Kalligraphie, die Kunst der Linie, gründet sich auf einen Kodex geometrischer
und dekorativer Regeln. Nach der Überlieferung ist die Kalligraphie die
Geometrie der Seele und zärtliche Struktur der Sprache, ausgedrückt durch den
Körper.[3]
Genau das vermittelt auch die Künstlerin dem primär durch die westliche Kultur
geprägten Betrachter in der "Orientalischen Wunderkammer": Der innige
Umgang mit der islamischen Schrift eröffnet ihm neben dem geheimnisvollen und
faszinierenden Eindruck orientalischer Ästhetik auch einen authentischen
Einblick in die Struktur der orientalischen Seele.
Dabei stützt sich Parastou Forouhar auf die
traditionelle Rolle der Muttersprache als Vermittlungsprinzip von Erinnerung
und Heimatgefühl: "Irgendwann ... habe ich angefangen, um den Begriff
"Heimat" eine Illusionsburg zu bauen. Und seit dem wächst meine
Heimat unsichtbar und schön in meinen Gedanken. Ich suche sie in der Schrift
meiner Muttersprache, die sich sanft, rhythmisch und einladend ausbreitet. In
der Offenheit und Gleichgültigkeit der schönen persischen Muster, die die
Altmeister aus vergangenen Jahrhunderten hinterlassen haben."[4]
Parastou Forouhar arbeitet mit einem ästhetischen
Vermögen, das nur mit orientalischem Lebensbewusstsein möglich zu sein scheint.
Zugleich drückt sie aus einer distanzierten Position analytische Sachlichkeit
aus. Dies ist auch der Blickwinkel einer arabischen Kalligraphin, die nach
alten Traditionen zeitlebens emotional und zugleich von strenger Präzision ist.[5]
Die doppelte Identität der Künstlerin, die persönlichen Erfahrungen und
Verbundenheiten zweier äußerst unterschiedlicher Kulturen, bringen dies mit
sich. Diese Identitäten sind im ständigen Prozess und stoßen auf vielschichtige
Grenzen: „Nur in mühsam hergestellten Momenten werden [meine] Erinnerungen [an
die Heimat] als Realität spürbar. … Nur mit Liebe zur Gegenwart versuche ich
diese Grenze um mich herum zu durchbrechen, zu verflüssigen, die lebendige
Alltäglichkeit mit ihren Überraschungen und ihren wachsenden Details rein zu
lassen. … Es ist ein ewiges hin und her in meinem Kopf. Ich bewege mich
dazwischen, manchmal auf kleinstem Raum."[6]
Der kritische Blick ruht nicht nur auf dem oberflächlichen und unreflektierten Bedürfnis westlicher Kulturen nach orientalischem Dekor sondern auch auf dem doppeldeutigen Umgang mit der traditionellen Kommunikation in ihrem Heimatland. Dieser politische Blick verschärfte sich in starkem Maße, als im November 1989 ihre der Opposition angehörigen Eltern in Teheran Opfer eines politischen Auftragsmordes durch den iranischen Geheimdienst wurden. In den künstlerischen Arbeiten wie "Schuhe ausziehen", "mit Schleier ohne Schleier" und "Persönliche Chronik der Ermordung unserer Eltern" verwendet sie dokumentarische Mittel, um in analytisch-wissenschaftlicher Weise die unablässigen und dennoch schier aussichtslos wirkenden Bemühungen um Aufklärung künstlerisch zu thematisieren. Persönliche Trauer, Angst und Verzweifelung werden dabei ausgeblendet. Nichtsdestotrotz stellt sich beim Betrachter eine bedrückende Ahnung von der brutalen Wucht der Ereignisse ein. Die auf den ersten Blick harmlos anmutenden Formen der Bildinhalte entlarven ihre bitterböse Ironie. Die Arbeiten Parastou Forouhars bedienen sich oftmals einer ästhetisch perfekten und ornamentalen Arbeitsweise, die in analytischer und unausweichlicher Stringenz vor den Gefahren des Klischees, der Floskel im interkulturellen Dialog warnt.
[1] siehe auch Arno Lehmann, Halle und die südindische Sprach- und Religionswissenschaft, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther -Universität Halle-Wittenberg, Jahrgang II, 1952/53, Heft Nr. 2
Michael Bergunder, Hallische Missionsberichte...
Otto Podczeck: Die Arbeit am Alten Testament in Halle zur Zeit des Pietismus. Das Collegium Orientale theologicum A.H. Franckes, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther -Universität Halle-Wittenberg, Heft VII/5, S. 1059-1078, 1958
[2] Aus "Wegziehen" Parastou Forouhar Frankfurt 2000, weitere Angaben. ? ...
[3] Abdelkebir Khatibi, Mohamed Sijelmassi: Die Kunst der islamischen Kalligrafie, S. 14, ff, Köln 1995
[4] Aus "Heimatkunst" Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, Frankfurt 2000???
[5] Islamische Kalographie, S. ??
[6] Wegziehen, S. 160