Katalogbeitrag zur Ausstellung HANNAH ARENDT DENKRAUM

Im September 2000 erhielt ich ein Schreiben des Teheraner

Militärgerichts. Darin teilte man mir das Ende der Ermittlungen am Mord meiner
Eltern mit.
Die Ermittlungen hatten zwei Jahre lang gedauert. Sie
waren durch widersprüchliche Aussagen auf höchster Ebene gekennzeichnet. In
diesen beiden Jahren verbrachte ich unzählige Stunden in den Wartezimmern der
zuständigen Behörden. Wurde mir ein Termin genehmigt, so verweigerte man mir
die Antwort mit der Begründung, dies berühre die innere Sicherheit des Landes.
Erneut reiste ich in den Iran. In der Hoffnung auf
Antworten vom Richter, des eigens einberufenen Sondergerichts, zu dieser
heiklen Angelegenheit.
Vor seiner Ankunft wartete ich bereits mit meiner Anwältin
im Vorraum. An der Wand seines Amtszimmers hingen mehrere Konterfeis des
verstorbenen sowie des lebendigen Führers der islamischen Republik. Der Richter
begann einen langen Monolog im Namen Allahs. Er teilte uns mit, dass dieser
Fall unnötig verkompliziert worden sei, und er Klarheit schaffen werde. 
Es sind Morde passiert begann er. Die Mörder haben
gestanden und werden von ihm der Scharia entsprechend durch Vergeltung
verurteilt. Er fügte hinzu, sollte ich die Hinrichtung des Mörders meiner
Mutter verlangen, so müsste ich laut Scharia, die Hälfte des Blutgeldes an die
Familie des Mörders zahlen. Das Gesetz erinnerte mich daran, dass in meinem
Land, das Leben einer Frau nur halb so viel wert sei, wie die eines Mannes und
sei es der Mörder meiner Mutter. Ich spürte die Hand der Anwältin die mich zu
beruhigen suchte. Der Richter sprach weiter. Ich hörte erst wieder zu, als er
mich davor warnte, die Akte selbst zu lesen. Ich könnte mir dies ersparen,
sagte er wohlmeinend, und empfahl diese Aufgabe meinen Anwälten zu überlassen.
Er stand auf und beendete dadurch seinen Monolog. Ich sagte, das ich von meinem
Recht die Akte zu lesen, Gebrauch machen werde, und er mit dem Urteil so lange
warten möge. In meinem Elternhaus angekommen, saß meine Großmutter wartend am
gedeckten Tisch. Sie schaute mich besorgt an, und vermied jegliche Frage.
Die folgenden zehn Tage verbrachte ich vor dem Richterbüro
und schrieb von der Akte ab, da kopieren nicht erlaubt war.
Auf Seite 870 befand sich folgende Aussage eines Beamten
des Informationsministeriums:
Ich habe den Anforderungen meines Berufs Klammer auf
Mitglied des Kommandoteams Klammer zu, gemäß der üblichen Methode der
Vergangenheit, und im Rahmen des mir vom Ministerium zugeteilten
Aufgabengebiets, abgesehen von Aufgaben wie Festnahmen, Ermittlungen,
Transfers, Entführungen, Planung und Durchführung von Kommandoaktionen, auch
physische Liquidierungsaktionen zum Aufgabenfeld gehabt. Deshalb wurde uns
Klammer auf, Mitgliedern des Kommandoteams Klammer zu, nach dem üblichen
Prozedere, nur die Aufgabe der Durchführung des Urteils gegen Ehepaar Forouhar
übertragen. Die Anordnung kam von oben und durchlief die Instanzen des
Amtsleiters und des zuständigen Abteilungsdirektors. Wir durften schon immer
nur bis zu diesem Punkt informiert sein, und zwar aus Sicherheits- und
Geheimhaltungsgründen. Wir kennen daher die höheren Verantwortlichen nicht. Wie
üblich kam der Einsatzbefehl von ihnen und wurde dann durchgeführt und wir
haben ihn dann zusammen mit unseren Brüdern angenommen. Ich habe nur den Befehl
ausgeführt den ich als meine religiöse Pflicht ansah.
Nach der Liquidierung, dem Aufsammeln der Utensilien und
nach dem die Spuren verwischt worden waren, sagten wir unseren Brüdern, sie
sollten alle Türen abschließen und zur Arbeitsstelle zurückfahren. Dann machte
ich das Licht aus.
Parastou Forouhar 2006

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