Die junge Kunst sucht sich in Iran ihre Lücken und stellt die verkrustete Struktur des Regimes in Frage
Feuilleton der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2006, Nr. 84, S. 42
Mein Blick als Künstlerin auf meine Heimat Iran hat sich durch jahrelanges Leben und Arbeiten im europäischen Kontext verändert. Der Fernblick läßt Iran als eigenen Planeten erscheinen, auf dessen Oberfläche feste Gitterstrukturen gezogen sind. Diese Vergitterung scheint an manchen Stellen mit dem Planeten verwachsen, aber an vielen anderen hat sie sich einfach darauf gepreßt. Noch aus der Ferne spüre ich den Druck des Gitters der Islamischen Republik.
Das Leben auf dem Planeten Iran selbst wächst und breitet sich unterhalb des Gitters aus. Es wird immer wieder unterdrückt und wächst doch immer wieder nach. Das ist ein Anblick, der Hoffnung und Freude, aber auch Enttäuschung und Wut auslöst und sicher auch ermüdet. Insbesondere die Ermüdung und die daran anknüpfende Lethargie sind zu einem Lebensgefühl geworden, das auch für viele Nichtiraner spürbar ist.
Einer der ersten repressiven Schritte der islamischen Herrscher bestand in den achtziger Jahren in der Vergitterung des öffentlichen Raums durch religiöse und politische Vorschriften. Die gesamte Oberfläche wurde mit ernsten und dunklen Farben, Camouflagemustern, lamentierenden Tönen und aggressiven Parolen bedeckt. In den Medien verdichtete sich die Gitterstruktur zur absoluten Undurchlässigkeit. Alle nicht konformen Handlungen wurden bestraft, täglich wurden neue Hinrichtungen verkündet. Viele Iraner zogen sich deshalb ins innere Exil zurück.
Diese nach innen gerichteten Energien aber entdeckten schließlich Kunst und Literatur als Sprungbrett in einen fiktiven Raum. Sie konzentrierten sich dabei zumeist auf die Produkte der westlichen Kultur. Unter dem Gitter entstand ein Schwarzmarkt für Filme und unzensierte Bücher. Nicht regimekonforme Künstler suchten anfänglich noch vereinzelt nach Bildern, um den herrschenden Stillstand und ihre unterdrückten Sehnsüchte in verschlüsselten und oft pathetischen Formen auszudrücken. Galerien für zeitgenössische Kunst blieben jedoch für lange Zeit geschlossen, und Künstler zeigten ihre Arbeiten nur in privaten Zirkeln.
Diese Zirkel kompensierten zum Teil den abwartenden Zustand des öffentlichen Lebens. Es gab viele kleine Kreise, in denen man sich traf, um heimlich Filme zu sehen, zu lesen, zu malen und zu zeichnen. Sprechen und Lachen durchbrachen mit kleinen Schritten das Verbotene und die in Todesangst erstarrte Stille. Das auch auf deutsch erschienene Buch von Azar Nafisi, "Lolita lesen in Teheran", ist ein Beispiel für diese Entwicklung.
Ende der achtziger Jahre organisierte ich als Studentin an der Teheraner Kunstakademie zusammen mit drei weiteren Kommilitoninnen eine wöchentliche Aktzeichenrunde in unseren Privaträumen. Wir erlebten und studierten die Nacktheit. Allmählich vergaßen wir, daß draußen die Sittenpolizei patrouillierte. Diese parallelen Lebenswelten riefen schizophrene Verhaltensweisen hervor und entwurzelten uns von den realen Zuständen.
Seit dieser Zeit sind anderthalb Jahrzehnte vergangen. Das kulturelle Wachstum unter dem Gitter der islamischen Ordnung war nicht aufzuhalten. Es nahm immer häufiger virtuelle Räume für sich in Anspruch. Das Internet bot schon seit längerem eine parallele Öffentlichkeit an. Weblogs werden in Iran als individuelle Foren für Austausch und Selbstdarstellung der Betreiber genutzt. Gerade diese individuellen Ausdrucksformen zerfressen millimeterweise die Gitterstruktur.
Ich besuchte im letzten Sommer in Teheran eine große Fotografieausstellung. Anlaß war der von der Zeitschrift "Iran Image" ausgeschriebene jährliche Wettbewerb um das beste Foto. Ein Raum war den Präsidentenwahlen gewidmet. Die karnevaleske Hysterie und das theatralische Auftreten der Kandidaten hätte durch keine Analyse besser entlarvt werden können als durch diese Bilder. Auf viele Besucher, die sich an den Wahlen beteiligt hatten, wirkte die Ausstellung daher ernüchternd und befremdend.
Zeitlich fast parallel lief die Aufführung eines Theaterstücks von Bahram Beyzaie. Es thematisierte die politischen Morde an Intellektuellen in Iran, die die Regierung mit allen Mitteln vertuschen will. Die Geschichte wird aus der Sicht eines oppositionellen Ehepaares erzählt, das sein Schicksal in einem gemeinsamen Albtraum immer neu durchleben muß. Das Stück wurde nach wenigen Aufführungen verboten, erzeugte aber Öffentlichkeit für ein Thema, das wie eine offene Wunde die iranische Gesellschaft bestimmt.
Die Gitterstruktur, die Iran überzieht, weist zwischenzeitlich Veränderungen subtiler Art auf. Ein Beispiel dafür sind die religiösen Banner. Sie werden anläßlich von Geburts- und Todestagen der Propheten und der zwölf Imame sowie der zwei wichtigsten Frauen im Schiitentum aufgezogen. Auch während der heiligen Monate Ramadan und Moharram werden sie flächendeckend an Straßenlaternen und Häuserwänden angebracht.
Was früher brav und schwarz war, wird heute bunt verkauft
In der Anfangsphase der Herrschaft des islamischen Regimes wurden diese Banner trauerbetont schwarz gehalten und waren mit weißer Schrift oder in den Symbolfarben Rot und Dunkelgrün bedruckt. Inzwischen aber sehen sie ganz anders aus. In der Naserkhosro-Straße, nahe dem Teheraner Bazar, werden Banner und andere religiöse Utensilien in einer Reihe kleiner Läden verkauft. Der Anblick wurde von Jahr zu Jahr bunter: Gelb, orange, pink und blau, in Neonfarben gedruckt, aus weichen und manchmal durchsichtigen Stoffen hergestellt erscheinen die Banner. Von westlichen Karnevalstraditionen hat man Wimpel, die als Meterware in Luftballonfarben angeboten werden, übernommen. Natürlich sind die Fähnchen immer noch mit den Namen von Heiligen oder mit kurzen Versen und ähnlichem bedruckt. Die dominante schwarze Farbe der Revolutionszeit taucht jedoch nicht mehr auf.
Auch die hier erhältlichen Darstellungen der schiitischen "Heiligen Familie" haben sich gewandelt. Sie führen den Betrachter in eine Welt der idealisierten, verkitschten Männerschönheiten: Die Heiligen verführen mit samtenem Blick unter makellos gezogenen Augenbrauen. Sie haben elegant geformte Nasen und fleischige weiche Lippen. Ihr prachtvolles weiches Haar lugt unter seidigen Turbanen hervor. Die Porträts werden eingerahmt von Blumen und Ornamenten.
Doch nicht nur die Produktion in der Naserkhosro-Straße hat die Anziehungskraft der Popkultur für sich entdeckt, auch der religiöse Gesang hat sich der persischen Popmusik angenähert und wirkt seitdem auch auf neutrale Zuhörer stimulierend. Das Regime versucht, diesen Effekt des Pop in seine Massenveranstaltungen einzubinden. Die letzte Kampagne zur Präsidentenwahl zeigte das deutlich.
Einige Künstler beschäftigen sich bereits mit diesem Phänomen. Der iranische Fotograf Mehran Mohajer etwa zeigte in einer Arbeit im Rahmen der Berliner Ausstellung "Entfernte Nähe" Bilder von den Fotostudios der heiligen Stadt Mashhad, in denen Pilger Erinnerungsaufnahmen machen lassen. Die Kulissen der Studios zeigen den leuchtenden Schrein des Imams vor dem Hintergrund eines Sonnenuntergangs. Sie bieten aber auch blütenbedeckte Äste, Schwäne auf einem Teich oder fliegende Tauben. Diese Verkitschung und Banalisierung des religiösen Lebens setzt eine Verharmlosung in Gang, die durchaus ambivalent ist: Die repressive Seite der religiösen Herrschaft wird dadurch zunehmend verschleiert.
Das islamische Regime ist aber nicht der einzige Faktor, der die Kultur in Iran einschränkt. Die statischen Regelwerke, die über Jahrhunderte das künstlerische Schaffen im Land bestimmt haben, sind tief im Inneren des Planeten verwurzelt. Dieses Gitter ist schwer als solches erkennbar, da es zart, feingliedrig und kunstvoll konstruiert ist. In dieser ornamentalen Ordnung ist der Stellenwert des einzelnen Menschen vorbestimmt: Seine Präsenz dient einer bestimmten Gesamtaussage.
Schauen wir auf eine beliebige altpersische Miniatur: Sie maßt sich an, ein kleiner idealisierter Spiegel der Welt zu sein. Unser Blick wird von den gebogenen Linien der Darstellung menschlicher Körper zu kurvigen Tannen geleitet, zu weichen Wolken, Kuppeln und Hügeln. Alle Flächen sind durch die Schwingungen dieser Muster abgedichtet: Es ist eine harmonische Darstellung der Welt, als Zeichen der Allmacht des Schöpfers.
Diese unantastbare Harmonie ist jedoch totalitär: Was sich der ornamentalen Ordnung nicht unterwirft, ist nicht darstellbar - und somit nicht existent. Die Parallelen zwischen der ornamentalen Ordnung und den eindimensionalen und zu Simplizität und Popularität neigenden Glaubensdogmen der Fundamentalisten sind unübersehbar.
Mit ihrem Potential an Rhythmus und Poesie hält die persische Miniatur uns in ihrem Bann, beschert uns schöne Oberflächen, die aber eine strukturelle Auseinandersetzung mit künstlerischen Ausdrucksformen vernebeln. Und vielleicht hat die Fixiertheit iranischer Künstler auf Oberflächen ihre Begegnung mit der westlichen Kunst mitbestimmt. Dies könnte sich in der iranischen Kunstproduktion bestätigen, denn sie besteht oft in der Imitation westlicher Techniken.
Impressionistische, expressionistische und sehr oft kubistische Ausdrucksweisen wurden häufig nur mit einer Portion orientalischen Feingefühls für Farben, Linien und Komposition angereichert - doch die elementaren Beweggründe, die ursprünglich zu diesen Techniken geführt haben, wurden außer acht gelassen. Als Reaktion auf den Vorwurf der Verwestlichung wurde dann das Orientalische in der Mischung etwas verstärkt.
Einen weiteren Aspekt der ornamentalen Ordnung der Kunst bilden die Metaphern. Anfangs öffneten sie Räume für das Poetische und Unaussprechliche. In der mechanischen Wiederholung wurden sie jedoch oft auf eine bloße Stellvertreterfunktion reduziert und damit marginalisiert. In der Zeit der politischen und religiösen Unterdrückung wurden Metaphern zum Ausdruck des Verbotenen. Im Lauf der Zeit aber verfestigten sie sich und wurden unerträglich flach. Als Reaktion auf das Verbot, weibliche Erotik in Bildern darzustellen, wählte man etwa Zitronen, aufgebrochene Granatäpfel oder Wassermelonen, um Weiblichkeit in Szene zu setzen. Nach und nach wurde die Zitrone derart erotisch aufgeladen, daß sie aufhörte, eine saure Frucht zu sein.
Auch wenn die Liebe zu Metaphern in der aktuellen iranischen Kunst noch stark ausgeprägt ist, erlaubt man sich inzwischen, aus dem alten Vokabular auszubrechen und nach einer eigenständigen Symbolik zu suchen. Das Streben nach Individualität, das das kulturelle Schaffen in Iran zur Zeit prägt, verursacht bei den Künstlern eine besondere Suche nach Positionierung und Authentizität, die mit besonderen Erwartungen an den Westen einhergeht und dadurch wieder westliches Interesse weckt.
Beide Seiten beobachten sich aber mehr, als daß sie sich beachteten. Das bewirkt bei den Kulturschaffenden in Iran eine Gratwanderung zwischen Projektion und Wirklichkeit. Sehr oft werden klischeehafte westliche Sichtweisen auf Iran von dort ansässigen Künstlern bestätigt - in der Annahme, man könne diese Art Ästhetik im Westen besser vermarkten. Khosrow Hassanzadeh thematisiert die Klischeefalle in seiner Serie "Terrorist" anhand von großformatigen Selbstporträts, die den Maler in typisch orientalischer Pose vor seiner traditionell aufgestellten Großfamilie zeigt.
In Iran haben sich in den letzten fünf Jahren außerhalb der ornamentalen Ordnung zeitgenössische Ansätze junger Kunst entwickelt. Durch aktuelle künstlerische Ausdrucksformen wie Installationen, Performances und Aktionen wird der öffentliche Raum besetzt. Die Künstlerin Jinoos Taghizadeh stellte zum Beispiel zahlreiche Fotokopien ihrer eigenen Handfläche her und beklebte damit die Häuserfassaden einer zentralen Straße in Teheran. Immer wieder wurde sie von patrouillierenden Sicherheitskräften festgehalten und wieder freigelassen, weil keine gesetzwidrige Handlung vorlag. Letztlich wurde aber die Wiederholung des Vorgangs selbst als Provokation angesehen und zog ein Verbot nach sich.
Ein weiteres Beispiel: Im Rahmen einer Installation beklebten Neda Razavipour und Shahab Fotouht die Fensterscheiben eines Hochhauses am Rande einer Schnellstraße mit Porträtaufnahmen junger Teheraner und leuchteten die Bilder im Rhythmus des menschlichen Atems an. Bis zu diesem Zeitpunkt war der öffentliche Raum den Darstellungen von Märtyrern und Großajatollahs vorbehalten. Nun wurde er vom "Atem" anonymer Individuen durchdrungen.
Seit der Zeit der sogenannten Reformer verfolgt das islamische Regime gegenüber Kulturschaffenden ein gewisses Kalkül: Berufsverbände unterschiedlicher Kunstsparten wurden zugelassen, staatliche Budgets und Stipendien werden inzwischen nicht mehr nur an Angehörige des Regimes verteilt, und die Kontrolle von Galerien und kleineren Kunsthochschulen hat nachgelassen. Trotzdem bewegt man sich weiter in einem kontrollierten Freiraum. Das verursacht allgemeine Abhängigkeit und Unsicherheit, die nach dem Amtsantritt des neuen Präsidenten noch einmal massiv zugenommen haben.
Die Sorge der Kuratoren vor unbequemen Installationen
Ein Beispiel dafür liefert die Geschichte einer aktuellen Arbeit der Künstlerin Sogra Zare: Vor zwei Jahren übernahm sie die lange leerstehenden Räume einer Hebammenpraxis als Atelier. Neben medizinischem Geräte fand sie dort zahlreiche Geburtsprotokolle und medizinische Unterlagen über Neugeborene, die ihre Jugend in der turbulenten Zeit von Revolution und Krieg verbracht haben mußten. Die Künstlerin führte mit den von ihr aufgespürten Personen an ihren Geburtsorten Gespräche: pluralistische Rückblicke auf eine ideologisch geprägte Epoche, die der offiziellen Version widersprechen. Doch schon ein paar Wochen vor der Eröffnung der Ausstellung legte der zuständige Kurator des Teheraner Künstlerhauses der Künstlerin nahe, ihr Konzept zu überdenken und auf den dokumentarischen Teil ihrer Arbeit zu verzichten, da diese die "rote Linie" überschritten.
Dieser Begriff definiert die Zensurgrenze im politischen Diskurs in Iran. Der junge Künstler Behrang Samadzadegan hat sie thematisiert. Er hatte in einem engen Raum zwei Gemälde an gegenüberliegenden Wänden aufgestellt. Die Bilder zeigen einen Mann und eine Frau, die sich interessiert anschauen. Eine rote Linie auf dem Boden des Ausstellungsraums trennt sie. Der Betrachter muß die Linie überschreiten, um die Installation vollständig wahrnehmen zu können. Er wird damit zum Bindeglied zwischen den beiden voneinander abgegrenzten Porträts.
Die herrschende Zensur und Repression sichtbar zu machen, das ist auch Thema der Arbeit von Amirali Ghasemi in seiner interaktiven Animation "Coffeeshop Ladies". Der Künstler macht Aufnahmen von Teheraner Internet- und Coffeeshops, die als Treffpunkt der Jugend beliebt sind. Die Gesichter der weiblichen Besucher sind, der Zensurtradition des Regimes folgend, mit weißen Rechtecken bedeckt. Beim Mausklick auf diese Flächen verändern sich diese zu leeren weißen Antlitzen. Die Gratwanderung zwischen Präsenz und Unsichtbarkeit, die Iranerinnen erleben, wird dadurch greifbar.
Der allgemeine Umgang mit der Zensur wird in der Arbeitsweise des Internetmagazins "Teheran Avenue", das über das aktuelle kulturelle Leben in der iranischen Hauptstadt berichtet, deutlich. Einer der Betreiber des Magazins beschreibt die Arbeit seiner Gruppe als "mikropolitisch". Die großen, brisanten politischen Themen werden ausgeklammert. Dadurch genieße man eine Unauffälligkeit, die das Weiterarbeiten erst möglich mache. Eine solche Haltung wird durch die neue Regierung mit deren ständigen Provokationen und zunehmender Repression auf die Probe gestellt: Das gewohnte Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Freiraum ist schwer beschädigt, in welchem Rahmen künstlerische Auseinandersetzungen in Iran weitergehen werden, ist offen. Gerade jetzt braucht diese Entwicklung Aufmerksamkeit von außen. Vielleicht öffnet der Blick durch das Gitter die Augen für die kulturelle Vielfalt auf dem fernen Planeten Iran.