Heimatanschrift - Phyllis Kiehl

Aus dem Katalog HEIMAT KUNST, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 2000

Irgendwann wird sie die atmenden Pferde beschriften, wie sie es schon lange vorhat. Ich bezweifle es nicht. Man denkt sich so einiges. Früher haben wir ihr deutsche Wörter und Ausdrücke geschenkt, die dann an der Küchenwand landeten. Es waren Wörter, die selbst wir aus unserem Sprachgedächtnis herauskramen mußten, alte Begriffe und Bezeichnungen, nicht mehr verwendet im täglichen Gebrauch. Wir zogen sie aus der Erinnerung und vermachten sie der Perserin, die sie mit Kugelschreiber an die Wand schrieb. Es wurden immer mehr. Wir randalierten über Wortbedeutungen. Die Söhne kamen mit betont gleichmütigen Gesichtern in die Küche, Kühlschrank auf, Kühlschrank wieder zu, auf dem Absatz machten sie kehrt und gingen wieder. Wir lernten alle Deutsch, außer den Söhnen, die es schon konnten.

Schnitt.

Die Oberflächen drängen sich um sie. Beschrifte mich. Ich bin weiß. Ich bin alt und kalkig. Ich bin nur eine Abbruchwand. Ich bin ein leeres Zimmer, ein Gang, ein Parterre. Ausstellungen. Parastou Forouhar wirft ihre schwebende persische Schrift in durchscheinendem Schwarz wie ein suggestives Netz über die Oberflächen. Instinktive Übersetzungsversuche werden nicht ermutigt. Niemand fragt. Schrift und halb anwesende Bilder. Tänzerinnen lasieren auf alten Wänden, ein Teppich, vergilbt, direkt auf die morschen Holzplanken gemalt. Persisches Boudoir.

Nebenan ein Raum, in dem jedes zusätzliche Wort erlischt, denn er ist schon randvoll mit seinen eigenen. Vollständig beschriftet. Man kann nicht umhin, in den Zyklon zu treten. Die Worte nähern sich krass und schwarz.

Schnitt.

Bällchen. Kleine, leichte, weiße, mit persischen Schriftzeichen signierte Bällchen klicken auf dem Boden des Raumes. Hunderte.

Und die Gäste: Einige beginnen, der Worte buchstäblich habhaft zu werden, ohne Übersetzungstendenz, einfach so. Sie nehmen sich eines mit. Diverse Bällchen kommen in Umlauf. Es gibt nicht nur die eine Sprache, die, des Verständnisses wegen, in die andere überführt werden muß.

Im Raum dazwischen liegt Forouhars Terrain. Der Spagat zwischen den Welten hat seinen Mittelpunkt im Schritt. Hier funktioniert Sprache in Form von Bildern, Gesten und Bewegungen. Die Zeichen rollen, stoßen an Grenzen, kommen zurück, kombinieren sich neu. Niemand bleibt außen vor.

Schnitt.

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