Im Deutschen Dom - Ingeborg Ruthe

Feuilleton der Berliner Zeitung, 08.03.2005

Als hautfarbene, mit dünnen schwarzen Konturen umrissene Schablonen reihen die Gestalten sich zu acht verschiedenen Ornamenten, gesichtslos, geschlechtslos, mit Augenbinden und zusammengebundenen Händen und Füßen. Im abgedunkelten Raum schaut man von oben hinunter in einen großen verglasten Kasten. Unter der Scheibe kreisen, zucken, baumeln, zappeln die normierten Gestalten in einer Endlosschleife. Es dauert eine Weile, bis sich unsere Augen in diesen auf den ersten Blick dekorativen Mustern zurechtfinden. Die Gestalten befinden sich scheinbar alle in der gleichen Situation: Sie sind sämtlich völlig reduziert und von einem Computer inszeniert. Sie sind fremden Blicken ausgesetzt, ohne dabei selbst etwas sehen - ohne sich überhaupt wehren zu können. Denn sie sind auf zynische und tragische Weise mit sich selber beschäftigt. Etliche der Figurengruppen sind innerhalb des Musters wechselseitig Opfer und Täter, Leiden und Gewalttat sind in einem automatisierten Rhythmus choreografiert. Mit Stricken und Bandagen wird gefoltert, die Gestalten hängen in Schaukeln, andere werden gesteinigt, wieder andere ausgepeitscht und stranguliert. Manche müssen gefesselt auf Säulen stehen, sie hängen sternförmig an Seilen oder müssen Steinlasten auf ihrem Rücken schleppen. Sie alle stecken in einem Schema, einem System, aus dem sie nicht entkommen, dem sie ausgeliefert sind. Es ist eine Symbiose aus Ornament und Verbrechen. Das Verbrechen heißt Gewalt, Entwürdigung, Unfreiheit.

Die Iranerin Parastou Forouhar wurde vom Deutschen Bundestag in den Deutschen Dom eingeladen, hier ihren Figurenzyklus - die Anfänge dieser Arbeit nannte sie einmal "Tausendundein Tag" - zu zeigen. Anlass ist der heutige Internationale Frauentag. Die 42-jährige Konzeptkünstlerin aus Teheran lebt seit Jahren in Deutschland im Exil und versteht ihre Kunst immer auch als die Arbeit einer Menschenrechtlerin. Die Geheimpolizei des iranischen Mullah-Regimes ermordete 1998 ihre Eltern, der Vater der Künstlerin war unter Chomeini Arbeitsminister und Vorsitzender der Iranischen Volkspartei. Seither sucht sie ergebnislos nach den Mördern von Vater und Mutter, seitdem ist ihr künstlerisches Thema noch konsequenter als zuvor das Spannungsverhältnis in undemokratischen Gesellschaften, gerade der islamischen - aber nicht nur - zwischen den Bedürfnissen des Individuums nach Selbstbestimmung und dem Zwang zur Anpassung zwischen Staat und Religion, zwischen Tradition, Moderne und Aufklärung.

Parastou Forouhar hat sich für diese merkwürdigen Figurenszenerien an jene Symmetrie gehalten, wie sie auf persischen Gebets-Teppichmustern vorkommt, zugleich zeigt sie ihre Arbeit in einem brunnenähnlichen Gefäß, um den Betrachter das Geschehen wie einen Akt der Spiegelung im Wasser erleben zu lassen, gerade, weil das Symbol des Brunnens in den islamischen Mythen und Märchen für das Erkennen der Wahrheit steht. Das Anonyme der Figuren will besagen, dass es ihr um die Situation von Frauen wie Männern gleichermaßen geht, um Zwänge und Abhängigkeiten. Die unsichtbaren Gesichter von Opfern und Tätern sind für die Künstlerin "blinde Flecken". Für sie ist das mehr als nur Stilistik, es ist Manifestation erbarmungsloser Machtsysteme. Der Betrachter soll sie sich ganz genau ansehen, diese leeren Schablonen in einem feindlichen Raum. Parastou Forouhar will damit sagen: "Ich bin der erstickenden Welt der Muster entkommen. Aber diese Muster können jederzeit und überall erlebt und erlitten werden, auch durch medial inszenierte Gewalt." 

blog.parastou-forouhar.de                                                                                                                                       © Parastou Forouhar