die tageszeitung, 2. Juni 2003
Die Frankfurter Erklärung deutscher Intellektueller erschien
im Dezember 1998. Nachdem in den Monaten zuvor zahlreiche Oppositionelle im
Iran ermordet worden waren, galt der Aufruf den Staaten und Gremien der Europäischen Union. Sie sollten
„unverzüglich eine offizielle Delegation nach Iran entsenden mit dem Auftrag,
dort die Einhaltung der Menschenrechte, die Aufklärung der Verbrechen und die
juristische Verfolgung der Täter zu verlangen.“
Der Appell hatte kaum Wirkung, die internationale
Gemeinschaft brachte nicht einmal eine Solidarnote fertig. Das muss besonderes
für die Gegner der Chatamie-Regierung enttäuschend gewesen sein – lässt der
Westen die Demokratiebewegung des Iran im Stich?
Mittlerweile haben sich die Parameter durch den Irakkrieg
verschoben. Die Demokratisierung arabischer Länder ist scheinbar nicht mehr aus
der Logik militärischer Einsätze herauszutrennen. Gern würden die USA bald im Iran damit beginnen das nächste
Rad auf der „Achse des Bösen“ zu demontieren. Auch diese Operation ließe sich
kaum als Sieg der Opposition verbuchen. Sie wäre wohl nur Zaungast bei der
Herstellung einer von den US-Thinktanks erdachten Weltordnung.
Über solche Konflikte wird unweigerlich nachdenken, wer in
Berlin die Ausstellung „Tausendundein Tag“ von Parastou Forouhar im Hamburger
Bahnhof betritt. Forouhar wurde 1962 in Teheran geboren und studierte dort
zwischen 1984 und 1990 Kunst, bevor sie ein Jahr später nach Deutschland ins
Exil ging. Die Frankfurter Erklärung kam auch wegen ihres Engagements zustande:
Am 22. November 1998 waren die Eltern, die Regimekritischen Politiker Dariyoush
Forouhar und Parvaneh Eskandari, in ihrer Wohnung ermordet worden; nach den
Tätern wurde niemals ernsthaft gefahndet.
Seither versucht Forouhar das Verbrechen aufzuklären. Immer
wieder ist sie nach Teheran gereist, hat bei Behörden vorgesprochen, hat bum
nachforschungen gebeten. Vergeblich. Geblieben ist ein endloser Schriftverkehr,
der in Berlin schlicht als „Dokumentation“ betitelter Handapparat ausliegt,
damit Besucher die Briefe, Artikel und Flügblätter kopieren können. Das ist
aktive Erinnerungs- und Trauerarbeit zugleich.
Trotzdem wäre es ein falscher Schluss, wollte man Forouhars
Arbeit auf einen Infopool zur iranischen Gegenöffentlichkeit reduzieren. Die
Politik ist der Motor, der ihre Kunst antreib; die formensprache indes findet
sie in der gegenwärtigen Kultur ihrer Heimat. Schon am Eingang stehen
versprengt Bürostuhle herum, die mit Stoffen bezogen wurden, auf denen in Farsi
Anrufungen der diversen Märtyrer gedruckt sind, die für angeblich islamische
Sache gestorben sind. Diese Fahnen sind Devotionalien, die im Iran reißenden
Absatz finden - der Gottesstaat schafft sich Images, die eine ideologisch
aufgeladene Ökonomie der Zeichen bilden. Doch unter den bunten Oberfläche aus
Kitschmoscheen und Mullahporträts liegt bleischwer die Bürokratie eines
totalitären Systems. Es ist dieser alltägliche Terror des Regimes, den Forouhar
in ihrer Arbeit aufgreift.
Sei es, indem sie per Dia-Show aufnahmen aus Teheran zeigt,
auf denen das Standbild von überdimensionalen Wandmalereien mit Geistlichen und
Selbstmordattentätern dominiert wird.
Sei es, indem sie für das Video “Schuhe ausziehen” mit
Zeichnungen dokumentiert, wie sie in den Amtstuben Teherans wochenlang bei den
Recherchen zu der Ermordung ihrer Eltern hingehalten wurde. Dann sitzen sich
verschleierte Frauen und Männer in Uniform gegenüber. Ihr Gesichter sind von
Forouhar als weiße Flächen ausgespart worden, weil der religiös-militärische
Komplex keine Individualität zulässt.
Diese Leerstellen des Privaten werden durch ein Spiel mit
Ornamenten ergänzt. Mal sind es von Forouhar am Computer entworfene
Schador-Stoffe, deren Musterung aus kaum erkennbaren Genitalien besteht.
Gegenüber ist wiederum eine über 30 Meter lange Museumswand mit abstrahierten
Folter- und Steinigungsszenen ebenso Kühl und versachlicht tapeziert.
Ständig ist man als Besucher dieser Spannung zwischen
verfeinerter Form und den Schrecken der Realität ausgesetzt. Indem sich alle
Bildelemente bei Forouhar ineinander fügen, wird die Kluft zur restriktiven
Gesellschaftsordnung im Iran sichtbar - man ist still umfangen von einem
Gefängnis der visuellen Norm.
Mit der neunteiligen Fotoarbeit “Blindspot” tritt die Absage
an religiöse Autorität am stärksten hervor. Forouhar hat Männer in Schleier
gehüllt, nur der stoppelige Hinterkopf sticht aus dem schwarzen Stoff hervor.
Zeigen durfte sie diese Fotos im Iran nicht: Als vor wenige Monaten eine
Ausstellung in Teheran stattfinden sollte, erhielt die privat betriebene
Galerie Drohbriefe. Forouhar ließ daraufhin die Räume leer - schließlich ist
auch das Schweigen ein klares Statement, das viel Platz für Fantasie schafft.
Sogar in einem bilderfeindlichen Land.