Neuzeit-Fabeln - Abdellatif Youssafi

Aus dem Katalog SWANRIDER - Künstlerhaus Schloss Balmoral - 2004

Lamalif Aya ist ein Begriff aus der arabischen Sprache. Er beschreibt die Kombination zweier Buchstaben, die man dazu verwendet, um ein Wort, einen Satz oder Absatz hervorzuheben. Lamalif Aya ist ein fast schon akustisch wahrnehmbarer Ausruf, der dazu dient, in den Lesegewohnheiten kurz innezuhalten, die vorhandenen Hirnloipen zu verlassen und sich gedanklich über den Sinn der Aussage hinauszubewegen.

Genau diese Verschiebung oder Erweiterung der Wahrnehmung entsteht beim Betrachten dieser Bilder. „Swanrider“ wird hier zu einem Synonym für die erweiterte Auslegung des Wahrnehmbaren. Der Anblick der Frau im Tschador, der für sich allein schon eine Assoziationskette auslöst, in der Fremdsein und Exotik die Richtung vorgeben, wird ergänzt durch die Betrachtung des Schwans, der nicht minder mit Gedankenverknüpfungen belegt ist. Seit frühester Zeit verziert die teutonische Volksseele Heldenmythen und Liebessagen mit diesem edlen Geschöpf, das selbst im Sterben die Menschen mit Gesang verzückt.

Diese ungewöhnliche Verschmelzung, die im Begriff des „Swanriders“ ihren Ausdruck findet, führt im Vergleich zum Lamalif Aya, der nur erlaubt, sich dreidimensional mit einer Ausführung zu beschäftigen, in eine Parallelwelt. Eine Welt, in der Mythos und Wirklichkeit in kalligrafischer Verbeugung eine Symbiose eingehen. Denn während der Lamalif Aya ein phonetisch auf die Lippenlaute bezogener Vorgang ist, entblößen die Swanrider-Aufnahmen den Blick des Betrachters. Aus jeder Perspektive sucht das Auge nach etwas Gewohntem, um Halt zu finden bei der Gratwanderung zwischen dem Irrealen und dem Klischee. Unter dem Tschador ist die Frau sehr fern. Und selbst wenn sie nicht zu erkennen wäre, bliebe sie vom ersten Moment an eine Frau. Unsere Augen können nicht anders, sie sind gefangen in Gedankenpartikel, die sich wechselweise abstoßen und anziehen.

Der Schwan ist ein poetisches Versprechen, hingeträumt auf einen Blick oder die Märchengestalt aus tausend und einer Nacht, verhüllt in filigran bemusterten, schwarzen Satin. Beide sind derart miteinander verbunden, als gelte es, die Parabel zu bestätigen, dass der Sinn der Sehnsucht der sei, dass sie sich niemals erfülle. Doch genau um diese Sehnsucht geht es. Sie verbirgt sich zwischen dem Spannungsfeld des unterdrückten Schönen und des ästhetisch Geheimnisvollen. Einen Wimpernschlag lang.

Parastou Forouhar setzt die Klarheit des Augenblicks der Wirklichkeit aus. Sie spielt mit der unmittelbaren Wiedererkennung und setzt ihr das Fremde entgegen. Die literarische Verführung durch den Schwan und das Versprechen einer erotischen, morgenländischen Nacht provoziert beim Nachbetrachten den Illusionsverlust. Tschador bedeutet im Persischen „Zelt“. Und so ist es bildlich zu verstehen, dass erst in ihm, oder unter ihm die Trägerin das Recht erwirbt, öffentlich aufzutreten, das Recht, dem Mann als privates Eigentum folgen zu dürfen. Langsam beginnt der Betrachter zu verstehen, dass auf und unter dem Tschador die Unergründlichkeit lastet und plötzlich betrachtet man nicht mehr als die Membran eines zerfallenden Mythos.

Ein Zugang zu dieser Parallelwelt wird erst dadurch möglich, dass die Künstlerin Parastou Forouhar in ihrer Arbeit mit einer nicht konformen Kulturcodierung antritt. In spielerischem Zugriff vereint sie literarische Zitate wie: „Habe ich mein Leben gewagt, nur um zu sehen, wie die Schönheit mir entgleitet“, mit dem  Begriff des „Swanriders“, den man mit der Comic-Sprache assoziiert.

Sie verbindet unbeeindruckt Kontexte miteinander, die so unterschiedlich sind, dass es mehr als nur einen Blick benötigt, um sie zu erfassen. Sie schafft Neuzeit-Fabeln.

Parastou Forouhar macht mit ihrer Arbeit deutlich, dass es nicht wichtig ist, ob eine Fabel einer realen Grundlage unterliegt oder nicht. Und ob es Lamalif Aya tatsächlich gibt, oder ob es sich nur um ein Phantasiekonstrukt handelt, mit dem sich eine Gedankenautopsie vornehmen ließe. Ihre Arbeit lässt erkennen, dass Wahrnehmung in dem Moment interessant wird, wenn uncodierte Akteure den Faden der Geschichte aufnehmen und ihn unbefangen in eine Richtung spinnen, in der die Geschichte, wenn auch nicht wiederholt, so doch mit anderen Mitteln und neuen Motiven fortgesetzt wird.  

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