Verortungen der Kunst
Parastou Forouhars Deplacierungen
Aus dem Katalog INTERSECTIONS, Jewish Museum of Australia 2005
Dr. Alexandra Karentzos
„Welcher Raum wird der Kunst in der neuen Weltordnung noch zugesprochen, und welche Bedeutung widerfährt der Kunst aus der Fremde? Das Interesse der westlichen Gesellschaft an Kunst und Kultur aus der orientalisch-islamischen Welt ist rasant gestiegen. Vielleicht ein wohlgemeinter Versuch, durch Kunst Erkenntnisse über diese Gesellschaften zu erlangen. Aber wie offen sind die westlichen Gesellschaften und wie viele orientalisch-islamische Merkmale muss diese Kunst beinhalten um als solche anerkannt zu werden?“[1]
Kritisch reflektiert die in Deutschland lebende Künstlerin
Parastou Forouhar Ausstellungsmechanismen und Konstruktionen des Anderen: Wenn
Werke einer iranischen Künstlerin präsentiert werden, stehen sofort bestimmte
Erwartungen im Raum. Schleier, Tschador, Bart und Turban sind Zeichen der
visuellen Repräsentation des „Arabischen“ – tagtäglich führen uns die
Massenmedien dieses Bild vor. Parastou Forouhar erfüllt nur scheinbar diese
Erwartungen, spielt aber mit ihnen. Sie zeigt dem westlichen Blick nicht das
„Orientalische“, sondern thematisiert den westlichen Blick auf das
Orientalische – die Schemata, die bei der Konstruktion des Orients zum Tragen
kommen. Die Künstlerin beobachtet gleichsam, wie beobachtet wird.
Ihre Arbeiten setzen
sich vor allem mit dem politischen Kontext des Iran auseinander und fordern
zugleich zu einem Nachdenken über das Wechselverhältnis von Eigenem und
Fremden, Tradition und Moderne sowie der Kategorien männlich und weiblich
heraus.
Forouhar verwendet Schleier,
orientalische Ornamente und persische Schriftzeichen und übersetzt sie in den
„White Cube“ der Museen oder bedeckt die Museumswände mit Folterszenen. Die
Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ werden in einer Tapete ans grelle Licht des
Museums gezerrt: Nicht harmloses, schönes Ornament, sondern Darstellungen der
Folter finden sich darauf. Die comicartigen gesichtslosen, computergenerierten
Figuren auf der Tapete werden in ihrer Stilisierung zu einer eigenen
ornamentalen Sprache, zu Schriftzeichen der Gewalt. Sie werden immerfort
wiederholt und entsprechen insofern den Gestaltungsprinzipien von
Tapetenmustern. Die Serie der Grausamkeit reproduziert sich immer wieder.
Indem Forouhar
diese Figuren in einer anderen Arbeit der gleichen Werkreihe animiert, erhält
das Dargestellte eine unheimliche Unmittelbarkeit. Eine besondere Spannung
entsteht, wenn eine Steinigung gar in einem Daumenkino zu sehen ist. Wird die
Strafpraxis der Folter gewöhnlich in einer fernen archaischen Vorzeit situiert,
erhält sie nun eine erschreckende Aktualität. Entscheidend ist die taktile Nähe
des Mediums, das der Rezipient buchstäblich „in der Hand hält“: Indem der
Betrachter mit dem Daumen das Kino aktiviert, ist er selbst an der Tat
beteiligt. Erst weil er im wörtlichen Sinne seine Finger im Spiel hat, wird der
Stein geworfen. Die Dichotomien von Zuschauer und Akteur sowie Opfer und Täter
werden konterkariert. Der Betrachter wird dazu angehalten, seine Position zu
reflektieren. Die Grenze zwischen dem Betrachter und dem scheinbar fernen
Geschehen gerät in Bewegung.
Die trügerische Oberfläche des Ornaments,
das alle Unterschiede scheinbar harmonisiert, ist zentrales Thema der Kunst
Forouhars.[2]
Auf Stoffmustern in altrosè der Serie „Eslimi“, was Ornament bedeutet, finden
sich sehr fleischliche Symbole: die feinen Muster erweisen sich als stilisierte
Geschlechtsteile, die sich abwechseln mit scharfen Gegenständen wie Messer und
Zangen. Mit diesen Stoffen, die der Betrachter aus einem Musterbuch aussuchen
kann, wie es etwa in Möbelgeschäften üblich ist, kann man sich nicht behaglich
einrichten. Assoziationen vom erotisch aufgeladenen Orient werden
konterkariert. Sexualität und Gewalt vermischen sich. Es ergeben sich in Forouhars
Werken immer wieder Spannungen von scheinbar harmloser Oberfläche und dem
tatsächlich Dargestellten. Auf den ersten Blick bedient Forouhar das Bild des
märchenhaften, ornamental schönen Orients, doch bei genauerem Hinsehen
unterläuft sie diese Klischeebilder.
Die persische Schrift wird ebenso zum
Ornament. Indem Forouhar die weißen Wände des Museums über und über mit den
Schriftzeichen übersäht, dienen sie als „Papier“ für ihren Text. Der Raum wird
zum „Schriftraum“. Während die weiße Wand des Galerieraumes gemeinhin zur
universalen Norm und unmarkierten Instanz erhoben wird, steht das orientalische
Ornament für das Abweichende. Fremd ist die Schrift auch deshalb, weil sie für
westliche Besucher nicht lesbar ist – als „unverständlicher“ Text wird sie zum
reinen Ornament. Indem sich die Schrift gegen Bedeutungszuordnungen durch
westliche Besucher verwahrt, bleibt sie in ihrer irreduziblen Bildlichkeit und
unauflösbaren Gegenständlichkeit bestehen. Der Sinn ist nicht zu begreifen;
allenfalls die beschrifteten Pingpongbälle, die den Boden der Installation
bedecken, lassen sich im haptischen Sinne be-greifen. Die Lesbarkeit wird noch
erschwert durch die Bewegung der Pingpongbälle, die auch in ihrer Kreisform
keine festen vertikalen oder horizontalen Leseachsen vorgeben, sie bilden immer
neue Muster, sind immer in Bewegung und werden zusammenhanglos. Selbst bei
Kenntnis des Persischen erweisen sich die Zeichen als Wortfragmente und Silben,
die keiner linearen Ordnung unterliegen. Das Schriftornament bedeckt den gesamten
Raum – an der Decke, auf dem Boden, an den Wänden. Die Betrachter, die die
Räume betreten, sind umgeben von den Mustern und müssen ihren
souverän-distanzierten Standpunkt aufgeben.
Auf andere Weise verbinden sich Schrift
und Raum in der Arbeit „Safari“. Schriftzeichen und Ornamente bedecken einen
riesenhaften Sack. Der Titel verspricht Abenteuer, Wildnis und exotische
Welten. Die Jagd führt jedoch ins Museum. Zeichen stehen gewöhnlich für
etwas, hier aber können sie wieder
nicht präzisiert werden, sie bleiben im Unbestimmten. Die Schrift verweist für
die westlichen Betrachter nicht auf etwas anderes, sondern auf das Andere
schlechthin, auf das undurchschaubar Fremde, für das auch der Orient steht.
Visualisiert wird dieses Unergründliche, Verhüllte geradezu durch die
ornamentreichen Tschadorstoffe, die in dem Sack vernäht sind. Der Sack ist
somit buchstäblich ein Fremdkörper.
Gewöhnlich werden einige der Stoffe, aus
denen der Sack genäht ist, für schiitische Trauerzeremonien verwendet. Es
handelt sich um grellbunte Massenware, wie sie Forouhar auch für die
Installation „Trauerfeier“ von 2003 verwendet. Ist man des Persischen mächtig,
erkennt man die Totenklage um den schiitischen Märtyrer Imam Hossein. Zu lesen
ist dann beispielsweise: „Dieser König ohne Armee begleitet von Tränen und
Trauer, die Wunden an seinem Körper sind zahlreicher als die Sterne am
Himmel... Dieser Fisch, untergegangen im Meer von Blut, ist dein Hossein...“
Die Bedeutung bleibt im westlichen Kontext des Museums jedoch gewöhnlich verborgen.
Was bleibt, ist der Farbenrausch und die Schwingungen der Schrift. Dass sie
sich jedoch nicht in die vertraute Ordnung fügt, wird durch das Unförmige des
Sackes betont.
Ein weiteres Vehikel des Fremden in der Kunst Forouhars ist der
von innen gepolsterten Transportcontainer, mit dem sie die Reihe der
Bemusterungen fortsetzt. Das rosafarbene Muster besteht aus Messern. Es
entsteht ein extremer Kontrast zwischen der Weichheit des Materials und den
Spitzen des Ornaments. Das Muster unterstreicht eine Gewaltförmigkeit und steht
in einem Spannungsverhältnis zu dem weichen, fleischlich rosafarbenen Material.
Solche standardisierten Container werden gewöhnlich dazu verwendet, auf ökonomisch-effiziente Weise kurzzeitige Unterkünfte, etwa für Asylsuchende, zu bieten. Im Gegensatz zu Immobilien handelt es sich um etwas Mobiles, das zum Transport verwendet wird. Damit entspricht der Container dem Nomadischen seiner Nutzer. Der Container wird zum Ort derjenigen, die nicht Fuß fassen dürfen, keine Heimat finden.
Durch die Auspolsterung wirkt der Container zugleich wie eine
Gummizelle. Diese dient herkömmlich der Verwahrung von Wahnsinnigen. Damit wird
der Wahnsinnige von der Außenwelt isoliert. Er stellt, wie Foucault beschrieben
hat, für die Gesellschaft das schlechthin Andere dar.[3]
Es werden Grenzziehungen vorgenommen, mit denen das Fremde ausgeschlossen wird:
Für unmöglich gehalten wird eine gemeinsame Sprache. Dieser radikale Bruch ist
symptomatisch für den Umgang mit dem Anderen, Fremden. Der abgebrochene Dialog
mit dem Wahnsinnigen entspricht nach Foucault der Trennungslinie, die die
abendländische Gesellschaft etwa gegenüber dem Orient zieht. Die Internierung
des für wahnsinnig Befundenden führt zu einer Verortung außerhalb des Eigenen.
Ähnlich funktionieren auch die Ausschlussmechanismen durch die Asylcontainer.
Mit Einrichtungen wie der Gummizelle
werden Wahnsinnige zum Objekt gemacht und kontrolliert. Indem der Betrachter
die Gummizelle betreten kann und dabei von anderen beobachtet wird, wird er
selbst zum Objekt, scheint er selbst für einen Moment dem gleichen Dispositiv
zu unterliegen. Der Container fungiert als eine Art Bühne, bei der die
Zuschauer selbst einbezogen werden. Forouhar führt die Prozesse der Alienation
vor, sie zeigt, dass kein Außerhalb möglich ist, sondern die Betrachter selbst
mittendrin sind. Der entstandene Raum wird zu einem Schwellenraum, der den
Konstruktionscharakter und die Kontingenz von Grenzziehungen deutlich macht.
Die Verortungen schlagen fehl und rücken die Deplacierungen ins Gesichtsfeld.
Die Betrachter werden damit buchstäblich ver-rückt, sie werden angehalten über
ihre eigenen Beobachterstandpunkte zu reflektieren.
Indessen beschränkt sich die Kunst
Forouhars nicht darauf, dem westlichen Blick den Spiegel vorzuhalten. Vielmehr
thematisieren ihre Arbeiten auch das politische System des Irans und beleuchten
es kritisch, indem sie die Schwierigkeiten, den oppositionellen Diskurs in der
Öffentlichkeit stark zu machen, vorführt. Daher platziert Forouhar in der
Installation Dokumentation ein Fotokopiergerät und Kopiervorlagen im Museum. In
dieser interaktiven Arbeit legt Forouhar ihre vergeblichen Versuche dar,
Auskunft über den 1998 ausgeführten Auftragsmord an ihren Eltern zu erhalten,
die oppositionelle Politiker im Iran waren. Die Künstlerin stellt ihre
umfangreiche, noch nicht abgeschlossene Korrespondenz mit Ämtern,
Menschenrechtsorganisationen und politischen RepräsentantInnen aus. Durch das
Fotokopieren dieser Dokumente sollen die Informationen zirkulieren. Mit solchen
Werken schafft sie ein
öffentliches Forum, das sie nutzt, um auf strukturelle Probleme aufmerksam
zumachen.
Thematisch eng verwoben mit dieser Arbeit
ist die Serie von Zeichnungen „Schuhe ausziehen“. Forouhar beschreibt
Alltagsszenen aus Ämtern des Iran – gesichtslose Frauen, die Formulare
ausfüllen und Unterlagen einsehen, bewacht von ebenfalls gesichtslosen
uniformierten Männern. Die Menschen scheinen austauschbar. Dargestellt ist ein
ständiges Warten. Forouhar führt die endlosen Behördengänge in geradezu kafkaesker
Weise vor: Wie in Kafkas berühmten Text „Vor dem Gesetz“ ist ein Vordringen in
das Innere dieses Gesetzes nicht möglich. Durch die Zeichnungen ist ein starres
bürokratisches System ins Bild gesetzt, das ad absurdum geführt wird. Vor dem
Hintergrund ihres eigenen Bemühens um Aufklärung des Mordes erhält die Arbeit
zusätzliche Brisanz. Die Figuren stehen damit nicht zuletzt für die Künstlerin
und ihre Anwältin, die Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi.
Forouhar zeichnet buchstäblich ein System
nach, in welchem sich Macht- und Wissensbeziehungen bis ins Detail in die
kontrollierenden Prozesse einpassen. Der Philosoph Michel Foucault charakterisiert eine Gesellschaft, die über
solche Mechanismen der Kontrolle und Überwachung verfügt, als Polizeigesellschaft.[4]
Damit meint er keineswegs eine entfernte arabische Welt, sondern moderne
subtile Strukturen der Macht. Wie neuere Forschungen gezeigt haben, verquicken
sich auch im Iran solche Machtmechanismen mit hierarchischen Strukturen. So
lässt sich der Orient auf einer temporalen Achse keineswegs in einer
barbarischen Vorzeit situieren, sondern erweist sich gerade in diesem Punkt als
modern.
Auch indem Forouhar solche Aspekte des iranischen Machtapparates thematisiert, konfrontiert sie die westliche Sicht des Orients mit anderen, ungewohnten Perspektiven und zwingt zu Differenzierungen. Das eigene Bild des Fremden wird damit verfremdet, es wird zum fremden Bild.
[1] Parastou Forouhar: „Andersdenkende“, In: Alexandra Karentzos (Hg.): Der Orient, die Fremde. Positionen zeitgenössischer Kunst. (im Druck)
[2] Vgl dazu auch: Annette Tietenberg: „Vom Verschleiern und Enthüllen oder Warum Parastou Forouhars Arbeiten ein kontextuelles Gewand tragen“. In: Alexandra Karentzos, Britta Schmitz (Hg.): Tausendundein Tag. Ausst. Kat. Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart – Berlin, König: Köln 2003, S. 54-61.
[3] Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1996.
[4] Michel Foucault: Überwachen uns Strafen. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1994.