Zeichenschwärme
Hamid Ongha
Das gesamte Treppenhaus des Gewerbegebäudes aus Beton mit
schlichtem Putz ist mit dem persischen „Nastaliq“- Schrifttyp bemalt: Acryl auf
Beton. Durch die Eleganz der Wortschwärme angenehm beeindruckt, suche ich
instinktiv nach Suren aus dem Koran oder nach Versen persischer klassischer
Dichter. Doch keines der Wörter hat eine sprachliche Bedeutung. Der allzu
leichte Zugang über die Kenntnis der Schrift ist versperrt. Das sind keine
Schriftzeichen, die entziffert werden könnten. Hier wird kein Text vermittelt.
Sind es überhaupt Wörter? Tatsächlich scheinen sich die
einzelnen Buchstaben in einem heftigen Kampf aus dem ihnen aufgestülpten Wortkerker befreien zu wollen.
Die eleganten „Kaf“ und „Gaf“ (entsprechen dem „K“ und „G“) schießen als
Parallelogramme nach oben, unten und seitwärts, mühsam gehalten von gedrungenen
und stämmigen „Mim“ „He“ oder „Ye“ (entsprechen dem „M“, „H“ und „J“).
Im explosionsartigen Auseinanderdriften verlieren sogar
die in Jahrhunderten auf Moschee- und Palastwänden, Minaretten und Kuppeln
gezogenen, gewundenen, gedrehten, geweiteten und geketteten Buchstaben, die
trotz Formenvielfalt immer zu identifizieren sind, ihre Bedeutung. Hier fließen
die Formen einer das visuelle Bewusstsein beherrschenden Schriftkultur
unmerklich und mit der sanften Gewalt der nicht aufzuhaltenden neuen
Wachstumsphase in ein abstraktes Zeichensystem hinein.
Wie aus einer chaotischen Ursuppe neu entstandene
Organismen, erkunden nun die Zeichen die neue Umwelt, fließen über Flächen,
Ritzen und Ecken, arbeiten sich durch die Oberflächenbeschaffung, greifen in
alle zur Verfügung stehende Dimensionen hinein und dehnen den Raum.
Von der Gestalt her noch an das alte Schriftbild
anknüpfend, verlassen die so getarnten Zeichen, in gewundenen Karawanen und
fliegenden Formationen ihren ursprünglichen Rahmen in den heiligen Schriften
und sakralen Bauten. Sie entziehen sich der Tyrannei religiöser Texte und der
Enge weihevoller Architektur, ohne respektlos zu wirken. Sie verlassen einfach
diese Orte in aller Stille um woanders spektakulär aufzutreten. Der Käfig des
Gedankens ist offen. Der Vogel der Phantasie schlüpft hinaus.
Das Befremden über die erste Unordnung und Verwirrung
angesichts der Flut und des Wirbels der ziehenden Zeichen, weicht allmählich der ästhetischen Einsicht in
ein sich abzeichnendes neues aber noch nicht begriffenes Ordnungssystem. Ein
System, das trotz zwanghaftem, immer wiederkehrenden Bezug auf die überlieferte „Schrift“, einen neuen
Lebensraum geschaffen hat.
Für nicht „Schriftkundige“ steht das Ergebnis der
Betrachtung auch ohne diesen Umweg der Reflexion fest: Parastou Forouhars
Schriftzeichen befallen wie ein Pilz die Flächen, breiten sich nach einem
genetisch vorgegebenem Wachstumsmuster
systematisch und unaufhaltsam aus und erobern den Raum. Die
gestalterische „Ökonomie“ ihrer Verbreitung erinnert an das Verhalten von
Quanten im physikalischen Raum, dem die moderne Physik, zumindest mit den
Methoden des Experiments, nicht
ganz beikommt. Wenn experimentell nicht direkt nachzuweisende Teilchen trotzdem
die Grundlage der physischen
Körperwelt bilden und sie zusammenhalten, dann ist die fortgesetzte Entdeutung
und Teilung der Buchstaben einer noch ganz im Bildhaften erstarrten Schrift,
eine künstlerische Grundlagenforschung ganz besonderer Art.
Dieser Gedanke drängt sich bei einem anderen
Kunstexperiment Parastou Forouhars auf. An einigen Ausstellungsorten, die sie
flächendeckend beschriftet hat,
sind Hunderte von Tischtennisbällen zusätzlich mit Schriftzeichen bemalt
und in einem Schwall in den Raum hineingegossen. Zur Ruhe gekommen, fördern die
beschrifteten Tischtennisbälle im
Ensemble mit dem flächendeckend bemalten Raum, das Gefühl bedrückender
Omipräsenz der Schrift- und Texttradition. Näher besehen ist die bemalte
Grundlage (diese imaginäre Haut) jedoch schon über und über von den neuen
Zeichen befallen
Über das vorgeblich bekannte Muster der Kalligraphie wird
der Betrachter in den Strom
beunruhigender Reflexionen über den Stand seiner kulturellen Identität
hineingezogen. Dabei wird er das Gefühl nicht los, die Künstlerin zwinkere ihm
durch den Einsatz so spielerischer Mittel und luftiger Formen wissend zu.