Parastou Forouhar, diesjährige Trägerin des Gabriele Münter Preises, kommt nach Düsseldorf – im Interview spricht die gebürtige Iranerin über ihr Leben im Exil, ihre Klage gegen Kanzler Merz und die Kraft der Kunst in Zeiten der Krise
Parastou Forouhar stammt aus einer prominenteniranischen Dissidentenfamilie. Ihre Eltern kämpften unter dem Schah und auch unter dem Mullah-Regime für Menschenrechte und Demokratie. Dafür wurde ihr Vater für Jahre ins Gefängnis geworfen, die Familie von Attentaten und Morddrohungen verfolgt.
1998 wurden Forouhars Eltern vom iranischen Geheimdienst in ihrem eigenen Haus ermordet. Seitdem führt Forouhar dieses Erbe mit Kunst und Aktivismus weiter – auch im Iran, wo sie jedes Jahr in ihrem Elternhaus eine Gedenkfeier abhält, obwohl sie dort auch schon wegen Blasphemie verurteilt wurde. Im September ist ihr Werk in der Düsseldorfer Galerie Ute Parduhn zu sehen. Ein Gespräch über Menschenrechte, Würde, Ignoranz – und warum aktivistische Kunst auch die Künstler rettet.
Parastou Forouhar, Ihre Arbeit “Water Mark” (2015), die Sie in den letzten Jahren immer wieder aufgegriffen haben, widmet sich Geflüchteten, die ertrinken, Menschen, die in der gegenwärtigen politischen Situation entrechtet und entmenschlicht werden, behandelt werden wie Biomasse. Jetzt sind Arbeiten aus der Serie in Ihrer Ausstellung “Carrying Memory” bei Ute Parduhn zu sehen.
Die Serie habe ich angefangen, als ich ein Stipendium im Brodsky Center an der Rutgers
University in den USA hatte. Das ist eine Plattform für feministische Arbeit, die die Möglichkeit bietet, in einer Papierwerkstatt mit einem Druckermeister zusammenzuarbeiten und Editionen herzustellen.
Das war 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, bei der die Geflüchteten zu
Tausenden im Mittelmeer ertrunken sind. Ich habe dabei auch inhaltlich an den Prozess des Papiermachens angeknüpft, denn Papier entsteht dadurch, dass man Papierfasern aus dem Wasser schöpft und “rettet”.
Wie meinen Sie das genau, mit der Rettung?
Papier ist Träger der Erinnerung und des Wissens unserer Welt. Diese beiden Aspekte wollte ich in meiner Arbeit zusammenbringen, den Versuch zu retten, irgendwas aus dieser furchtbaren Zeit manifestiert zu wissen. Da habe ich diese Serie begonnen, zu der ich im Laufe der Jahre immer wieder zurückkehre und neue Editionen mache, in denen die Figuren einfach im Wasser treiben, darin buchstäblich versinken und zu Schatten werden.
Das ist die Situation in unserer rassistischen Welt, in der bestimmte Menschenleben, bestimmte Körper, bestimmte Menschen es nicht mehr wert sind, gerettet zu werden. Als Frau, die Exil-Erfahrung hat, die selbst geflohen ist, aus Situationen, die unerträglich waren, als Dissidentin und Künstlerin, verbinde ich mich mit diesem
marginalisierten Körper, der immer mehr an Würde verliert, während alle zuschauen.
In Ihrer Serie “Unwetter” (2023/24) sieht man eine Masse von Körpern, die wie in einer Wolke oder einem Klumpen zusammengeballt oder ausgequetscht werden. Aus ihnen tropfen Körperflüssigkeiten, Lebensenergie, Erinnerungen – ins Nichts. Das erinnert an die Situation in Gaza, in der Körper, Kultur, Geschichte völlig zerstört werden.
Ja, jetzt haben wir eine Situation in Gaza, in der Menschen noch nicht einmal mehr fliehen können und in der sie der systematischen Aushungerung und Tötung durch eine militärische Maschinerie ausgesetzt sind. Und da schauen wir auch alle zu, das ist die momentane Situation. Inzwischen sind wir an einem Punkt angekommen, an dem ich manchmal denke, unsere Menschlichkeit verschwindet völlig.
2015, als Sie mit der Serie begonnen haben, war auch das Jahr, in dem Merkel gesagt hat “Wir schaffen das”, wo für eine ganz kurze Zeit Solidarität herrschte, fast eine Art Euphorie. Doch dann kamen Trump, die “Culture Wars”, #MeToo, “Black Lives Matter”, die Pandemie, die Spaltung der Gesellschaften, ein enormer Rechtsruck, die Rückkehr zu Nationalismus, totalitären und faschistischen Strukturen. Wie sehen Sie die Veränderungen des letzten Jahrzehnts, seitdem die erste Version von “Water Mark” entstanden ist?
Wenn man mich damals gefragt hätte, hätte ich gesagt, das ist eine humanitäre Krise, die wir versuchen können, zu überwinden. Doch inzwischen habe ich komplett die Zuversicht verloren. Ich glaube nicht mehr, dass es überhaupt einen tatsächlichen, wahrhaftigen Versuch der Rettung gibt. Besonders in westlichen Demokratien.
Wann kamen Ihnen diese grundlegenden Zweifel, an dem Willen, Menschenleben zu retten?
Das kann ich nicht genau sagen. Aber als ich diese Bilder von fast leeren Flugzeugen sah, die nach dem Rückzug der westlichen Mächte aus dem angeblich befreiten, “demokratisierten” Afghanistan abhoben, war das schon solch ein Moment. Jahrelang hatte man das Land okkupiert, militärische Infrastrukturen geschaffen, die dann schlagartig, ohne jede Rücksicht auf die Bevölkerung – vor allem auf die einheimischen Mitarbeiter, die ihr Leben für die westlichen Besatzer riskiert hatten, verlassen wurden. Um sich vor den Taliban zu retten, klammerten sich die Menschen damals an die Maschinen, bis sie einfach herunterfielen. Sie wurden nicht mitgenommen, weil sie nicht zählten. Das ist dieselbe Situation wie auf diesem Bild, das ich damals gemacht habe: Menschen stehen aneinander gedrängt auf einem wackeligen Boot, bis sie einfach fallen und ertrinken. Dieses “Herunterfallen” hat seitdem zugenommen.
Heute sehen wir in Gaza Kinder und Jugendliche, die dem Karren, der Essen bringt, hinterherlaufen, um die Hungersnöte zu überleben. Und die werden nicht nur unbeachtet im Stich gelassen, sondern angeschossen und getötet. Angesichts dieser Entwicklung weiß ich nicht, woher ich noch Hoffnung und Zuversicht schöpfen kann. Wenn ich von den schrecklichen Zuständen im Nahen Osten höre, aus dem auch ich stamme, werde ich immer
resignierter. Auch angesichts von großen Teilen der Kunstszene, die sich so progressiv und emphatisch gegeben hatten. Dass es da keinen Aufschrei, überhaupt keine solidarische Verbundenheit mit diesen Menschen gibt, die rassistisch und unmenschlich behandelt werden, ist für mich unbegreiflich. Ich bin zornig, wütend, aber auch traurig, weil das hier inzwischen mein Zuhause ist. Ich habe hier in Deutschland mehr als die Hälfte meines Lebens gelebt. Natürlich gibt es Communitys, die sich engagieren. Aber dieses geringe Interesse der Mainstream-Kunstszene an Themen wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit oder Völkerrecht ist erbärmlich.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Vielleicht an der Bequemlichkeit. Ich weiß es nicht. Da ist auch eine tief sitzende Ignoranz anderen gegenüber, vor denen man seit den 1990er-Jahren so getan hat, als ob sie teilhaben könnten. Aber jetzt, wo immer mehr Menschen in gefährdeten Situationen sitzen, wird nicht so genau darauf geschaut, was in diesem Moment dort passiert.
Aber kann Kunst denn in dieser Situation überhaupt etwas bewirken?
Die Kunst hat mir immer zur Seite gestanden. Ich kann in ihr denken, frei sein, ich kann in der Kunst kritisch, empathisch sein. Ich kann durch sie andere motivieren, genauer hinzuschauen. Das ist eine anständige Sphäre, die Kunst, wie ich sie begreife und versuche zu betreiben. Sie hat mich schon lange begleitet. Und ich verlasse mich weiterhin auf die Komplizenschaft mit ihr. Und diese Momente voller Ambivalenz wahrzunehmen und wiederzugeben, das ist meine Sprache, ich brauche meine Sprache im Moment dringender denn je.
Es gibt seit der von der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa kuratierten Documenta Fifteen Debatten um aktivistische Kunstformen aus dem “globalen Süden”, zuletzt auch im Kontext der jüngsten Berlin Biennale. Für kritische, eher marktorientierte Stimmen ist das gar keine Kunst, sondern nur die relikthafte Illustration oder Dokumentation eines Diskurses.
Ich bin da genau entgegengesetzter Meinung. Für mich gibt es da keinen Unterschied zwischen Kunstwerk und “Dokument”, oder “Relikt”. In meinem Werk gehören die beiden, genauso wie Aktivismus und Kunst, zusammen. Und ich finde auch das Beharren auf dem alten westlichen Kanon zu begrenzt, mit dem alles verglichen werden muss, auf den alles eine Resonanz sein soll. Ich habe auch einen Kanon. Ich arbeite mit Ornamenten und zeichne digital, und es wird natürlich aus der westlichen Perspektive sofort als Versuch der “Modernisierung” meiner eigenen Kultur, von iranischen Traditionen gesehen. Und das ist es nicht. Für mich ist dieser leise, eher intellektuell daherkommende Widerstand gegen andere Bildsprachen arrogant und so gar nicht gerechtfertigt.
Man kann in diesem Kontext vielleicht auch Ihre Anzeige gegen Friedrich Merz als Teil Ihrer Kunst sehen.
Das ist eine kollektive Arbeit von einer Gruppe Deutsch-Iranerinnen und Iranern, zu der auch ich gehöre. In dieser sind auch andere Künstlerinnen und Künstler dabei, wie etwa Ayat Najafi, Homa Emami, Maryam Palizban. Es ist eine Gruppe aus über 50 Leuten aus unterschiedlichen Berufen und mit unterschiedlichen politischen Haltungen, die sich zusammengetan haben, um diese Anzeige zu starten.
Warum?
Es geht um diese Aussage, die Friedrich Merz bei einem Interview ein paar Tage nach dem militärischen Angriff Israels auf den Iran gemacht hat, nachdem in diesen Tagen viele Zivilisten ums Leben gekommen waren. Er hat sich bei der israelischen Führung und der Armee bedankt, weil sie angeblich die “Drecksarbeit für uns alle” machen. Er hat den völkerrechtswidrigen militärischen Angriff nicht nur gebilligt, sondern
regelrecht verherrlicht. Und das als Bundeskanzler, der dem Völkerrecht verpflichtet sein muss, insbesondere im Hinblick auf die historische Verantwortung Deutschlands. Diese Verantwortung mit einem so lapidaren Satz einfach komplett aufzugeben und kein Wort darüber zu verlieren, dass er die Situation der Zivilbevölkerung, den Verlust von Menschenleben in diesem Krieg, bedauert.
Es gehört inzwischen zum politischen Image, dass man ein guter Leader ist, wenn man Härte und kein Mitleid zeigt …
Das war so zynisch, dass wir dachten, wir müssten darauf reagieren. In unserer Gruppe sind auch Juristen. Sie haben die Aussage von Merz als Gelegenheit gesehen, durch die Anzeige wegen des “Verdachts der öffentlichen Billigung völkerrechtswidriger Gewalttaten” unsere Kritik und unsere Position zur Situation deutlich zu machen. Ich muss aber dazu sagen, dass sie uns von vornherein gesagt haben, dass sie keine Chance
sehen, dass dieser Anzeige von der Staatsanwaltschaft überhaupt angenommen und bearbeitet wird.
Die Rechtfertigung des Angriffs waren die unmittelbare Bedrohung des Staates Israel durch iranische Atomschläge, aber auch die Zerschlagung des Regimes. Doch wie wurde das von der iranischen Opposition wahrgenommen, von den Dissidenten, die seit Jahrzehnten im Exil leben?
Das war natürlich ein enormer Schock, dass dieser Angriff dann tatsächlich stattgefunden hat. In den ersten Tagen, vor allem am ersten Tag, waren die Ziele eher militärischer Art. Aber auch da wurden bereits gezielte Tötungen hochrangiger Generäle der Revolutionsgarde oder von Atomwissenschaftlern durchgeführt. Es sickerte durch, dass nicht nur sie getötet wurden, sondern vor allem in Teheran auch ihre Nachbarn, die Familien in den betroffenen Wohnanlagen – einfache Bürger. Die Ratlosigkeit und Wut waren enorm.
Dabei fanden diese Bombardierungen laut der israelischen Regierung im Namen der Freiheit und Demokratie statt, quasi als Unterstützung der iranischen Opposition.
Ich möchte hier ein Beispiel nennen, das deutlich macht, wie perfide dieses frei erfundene Narrativ ist, dass die israelische Armee der iranischen Opposition einen Dienst geleistet hat. Einige Tage vor dem Waffenstillstand hat Israel das größte iranische Gefängnis bombardiert, das Evin-Gefängnis, wo viele politische Gefangene sitzen, viele Soldaten Wache halten oder auch Familienangehörige der Gefangenen hingehen, um sie zu besuchen, Kleidung oder Essen zu bringen. Bei diesem militärischen Angriff sind 80 Menschen getötet worden, darunter auch politische Gefangene, normale Gefangene, einfache Soldaten, Passanten. Zunächst verkündete die israelische Armee, dass es sich um einen symbolischen Angriff auf eine Anlage der Unterdrückung der Islamischen Republik handelt. Dabei ist das keine militärische Anlage, und das Gefängnis hat nichts mit den Atomanreicherungsanlagen Irans zu tun. Netanyahu hat sogar die Parole für den Aufstand im Iran, “Frau, Leben, Freiheit”, in den Mund genommen, um seine Angriffe zu rechtfertigen. Es macht einen wütend, weil er diese Parole beschmutzt und diejenigen enteignet, die unter Lebensgefahr diesen Slogan gerufen und für ihre Freiheit gekämpft haben. Die tatsächlichen Leidtragenden sind die Zivilgesellschaft und diejenigen, die vor Ort darum kämpfen, eine bessere, freiere, demokratische Gesellschaft zu gestalten. Und er schmeißt Bomben auf die Köpfe dieser Menschen.
Um zu verstehen, wer diese Menschen sind, hilft es vielleicht, auf Ihre persönliche Geschichte einzugehen. Ich habe Ihre Arbeit in den frühen 2000er-Jahren kennengelernt, die frühe Serie “Schuhe ausziehen”: Eine Art Comic Strip, in dem Sie den iranischen Justizapparat beschreiben, mit dem Sie es nach der Ermordung Ihrer Eltern 1998 zu tun hatten. Ihre Eltern waren beide prominente Dissidenten. Ihr Vater war einer der führenden Oppositionellen Irans, der unter dem Schah in den Widerstand ging, wodurch er immer wieder verhaftet und mehrfach schwer verletzt wurde. 1978 wurde auf Ihrer Wohnung in Teheran ein Bombenanschlag verübt, was Ihre Eltern jedoch nicht davon abhielt, weiter für die demokratische Bewegung zu kämpfen. Unter dem Regime der Mullahs wurden sie in ihrem eigenen Haus von einer Spezialeinheit umgebracht. Und für den Prozess brauchten Sie Papiere und Unterlagen.
Genau. Und ich komme mit diesem bürokratischen Apparat der Islamischen Republik in Berührung, von dem man nur hingehalten wird. Man kommt einen Schritt nach vorne, dann rücken sie einen wieder zurück. Im Grunde ist das wie aus einer Erzählung von Franz Kafka. Ein Jahr nach dem Mord an meinen Eltern, war das die Phase, als ich sehr oft in den Iran reiste. Ich glaube, in einem Jahr bin ich achtmal nach Teheran gereist, um immer wieder diese Behörden aufzusuchen, um diesen juristischen Prozess der Aufarbeitung voranzutreiben, der durch Vertuschung und Lügen im Sande verlaufen ist. Meine Eltern, sowie andere politische Aktivisten, auch Mitglieder des Schriftstellerverbands, wurden innerhalb einer kurzen Phase systematisch einer nach dem anderen getötet, von Beamten des Informationsministeriums – das ist der iranische Geheimdienst. Aber beim Prozess wurde behauptet, es habe sich um eine Gruppe von Hartlinern innerhalb dieses Ministeriums gehandelt habe, die eigenhändig, ohne den Auftrag des amtierenden Ministers, diese Tötungen durchführten.
Man ging also von einer Art paramilitärischen Aktion aus?
Ja, diese Männer wurden vor Gericht gestellt. In ihren Aussagen, die ich selbst gelesen habe, betonten sie immer wieder, dass die Befehle zur Tötung meiner Eltern direkt vom amtierenden Minister kamen.
War dieser auch noch im Amt, als Sie zu den Behörden gegangen sind?
Der ist zurückgetreten, hatte dann ein anderes Amt in der Justiz. Auf jeden Fall musste ich den ganzen Prozess über immer wieder unterschiedliche Justizbehörden aufzusuchen, um immer wieder keine Termine mit den zuständigen Beamten zu bekommen. Das habe ich alles in dieser Comic-Reihe festgehalten. Sie heißt “Schuhe ausziehen”,
weil viele dieser Bürochefs im Justizdienst Mullahs sind und in ihren Büros Teppiche haben. Und wenn man ihre Zimmer betreten möchte, muss man die Schuhe ausziehen. So musste ich ständig meine Schuhe ausziehen, um irgendwelchen Amtsträgern gegenüberzusitzen und Fragen zu stellen, auf die mir niemand Antworten gab.
Bis heute fahren Sie jedes Jahr im Herbst nach Teheran, um eine Gedenkfeier für Ihre Eltern abzuhalten, auch als Akt des Widerstands. Und das, obwohl Sie mehrfach vor Gericht standen und zuletzt wegen Gotteslästerung angeklagt wurden.
Ja, das begann 2016. Es ging um meine Installation “Countdown”, für die ich bestimmte religiöse Tücher verarbeitet habe. Daraufhin gab es die Anklage wegen Blasphemie. Ich wurde vor Gericht gestellt und zu sechs Jahren auf Bewährung verurteilt. Das ist aber auch seit ein paar Monaten vorbei, was bedeutet: Ich bin wieder ein freier Mensch. Und das mit der Gedenkfeier ist eine kollektive Sache. Wenn ich allein hingehen würde, brächte es gar nichts. Es sind die Menschen, die dazukommen, die diese Gedenkfeier zu einem Ereignis machen. Das Haus ist im Laufe der 26 Jahre inzwischen zu einem Erinnerungsort geworden, den viele besuchen, um sich zu solidarisieren und für Wahrheit und Gerechtigkeit zu stehen – und auch, um das Haus zu erhalten. Das ist eine dauerhafte Arbeit, wie die Dokumentation, die ich mache: das ständige Sammeln von Dokumenten zu dem Mord meiner Eltern. Diese stelle ich auch immer weiter aus.
Ist es denn gefahrloser geworden, in den Iran einzureisen?
Nicht wirklich. Ich werde jedes Mal am Flughafen rausgepickt. Die konfiszieren mein Handy, ich nehme immer ein leeres Handy mit, keinen Rechner. Die konfiszieren meinen Reisepass, alle Notizen und Bücher, “alles aus Papier”, was ich dabeihabe. Ich werde direkt am Flughafen zur Anhörung vorgeladen. Und dann suchen sie in meinem Koffer zwischen meiner Unterwäsche nach Dingen, die ich eingeschmuggelt haben könnte. Ich werde nicht gut behandelt. Ich bekomme Drohanrufe, und manchmal habe ich das Gefühl, dass mir jemand folgt. Aber ich versuche, keine Angst zu bekommen. Mit der eigenen Angst umzugehen, ist oft schwieriger als mit den Menschen dort, die einem Angst machen wollen. Und natürlich sind hier in Deutschland meine Liebsten, die an mir hängen. Alles steht stets auf wackeligen Füßen, wenn ich gehe.
Das haben Sie sehr schön gesagt. Die ganze Welt, die wir lieben, steht auf wackeligen Füßen. Was würden Sie Menschen raten, die Angst haben?
Ich glaube, es ist wichtig, sich zu positionieren und Communitys zu bilden. Ich würde jedem raten: Findet Menschen, mit denen man diese Zeiten produktiv und anständig durchstehen kann. Personen, die immer wieder etwas aufbewahren und Ideen weiterentwickeln. Wir müssen herausfinden, wie wir in so einer Situation an Grundwerten festhalten können. Wir dürfen uns weiterhin nicht von irgendwelchen schwachsinnigen Gefühlen oder Ideen ablenken lassen.
Dieser Artikel erschien in einer gekürzten Form zuerst in Monopol 09/2025.