WRITTEN ROOM in der Landesgalerie Niederöstereich

23.05.2026 – 10.01.2027

Rede zur Ausstellungseröffnung am Samstag, 23. Mai 2026

Dr.in Gerda Ridler Künstlerische Direktorin und Kuratorin der Ausstellung

Wenn man diesen Raum – den Written Room betritt, wird man sofort von seiner besonderen Atmosphäre erfasst:

Von der Schönheit der Schrift. Vom geschwungenen Duktus der Kalligrafie. Von der körperhaften Zeichnung, die sich über Boden und Wände ausbreitet und den gesamten Raum in Besitz nimmt.

Fast intuitiv möchten wir zu lesen beginnen. Wir möchten wissen, was hier geschrieben steht. Welche Botschaften dieser Schriftraum vermittelt. Welche Geheimnisse, welche Erzählungen, welche Bedeutungen sich hinter diesen Zeichen verbergen.

Und genau an diesem Punkt beginnt die besondere Erfahrung dieser raumgreifenden Arbeit. Denn Parastou Forouhar zeigt uns mit Written Room keine Schrift, die sich entschlüsseln lässt. Sie zeigt uns eine Schrift, die sich ihrer Eindeutigkeit entzieht.

Seit über dreißig Jahren realisiert die iranisch-deutsche Künstlerin diese ortsspezifische Installation weltweit – und die Landesgalerie Niederösterreich ist stolz und dankbar, dass diese eindrückliche Arbeit nun erstmals auch in Österreich zu sehen ist. Drei Wochen lang hat die Künstlerin hier gearbeitet und den weißen Raum in aufwändiger Handarbeit vollständig mit schwarzen Schriftzeichen überzogen.

Für die meisten von uns, die mit persischer Schrift nicht vertraut sind, bleiben diese Zeichen unverständlich. Doch auch für Menschen, die Farsi lesen können, löst sich die vermeintliche Lesbarkeit rasch auf. Denn die Künstlerin fragmentiert die Schrift bewusst. Buchstaben werden gedehnt oder verdichtet, verbunden oder auseinandergezogen. Wörter zerfallen in Silben, in Spuren von Sprache.

Die Schrift scheint innezuhalten, abzubrechen und neu anzusetzen – als würde Sprache an ihre Grenzen gelangen. Darin liegt etwas zutiefst Menschliches: der Versuch, sich auszudrücken, obwohl Worte allein nicht mehr ausreichen. Denn diese Arbeit handelt nicht nur von Schrift. Sie handelt von Erinnerung, von Fremdheit, von Zugehörigkeit – und auch vom Verlust von Sprache.

Seit mehr als dreißig Jahren lebt die in Teheran geborene Künstlerin in Deutschland. Der Abstand zur eigenen Muttersprache, zur kulturellen Herkunft und zur Heimat schwingt in dieser Arbeit spürbar mit. Der Raum wird dadurch auch zu einem Erinnerungsraum – zu einem Versuch, Sprache festzuhalten, die sich auflöst und zunehmend verblasst. Und vielleicht kennen wir alle dieses Gefühl: das Bemühen, etwas festzuhalten, das uns entgleitet. Ein Mensch. Ein Gefühl. Eine Erinnerung.

Parastou Forouhar verbindet in ihrem Werk persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlicher und politischer Reflexion. Denn Kunst ist für sie kein Rückzugsort, sondern ein Ort der Auseinandersetzung. Ihre Arbeiten kreisen um Fragen von Macht und Ohnmacht, von Gewalt und Erinnerung, von Identität, Verlust und Zugehörigkeit. Dabei entwickelt sie Bildstrategien für das, was sich oft nur schwer aussprechen lässt. Und sie tut dies mit einer ästhetischen Klarheit, die ebenso präzise wie berührend ist.

Auch Written Room ist in diesem Sinne ein politisches Werk – nicht, weil es konkrete Ereignisse illustriert, sondern weil es ein Gegenmodell zu Eindeutigkeit und Vereinfachung entwirft. In einer Zeit, in der Sprache zunehmend instrumentalisiert wird, in der Worte vereinfacht, zugespitzt und missbraucht werden, setzt diese Arbeit einen anderen Akzent. Sie verweigert die schnelle Lesbarkeit. Sie entzieht sich dem unmittelbaren Zugriff. Und eröffnet gerade dadurch einen Raum für Differenz und eine neue Form der Wahrnehmung.

Wenn wir heute eine iranische Künstlerin zeigen, dann geschieht das natürlich nicht losgelöst von den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen unserer Gegenwart. Mit dieser Ausstellung setzen wir deshalb auch ein Zeichen der Solidarität. Und zugleich ein Zeichen für die Bedeutung von Kunst als Ort der Reflexion, als Ort der Offenheit und des kulturellen Dialogs.

Kunst kann keine politischen Konflikte lösen. Aber sie kann Räume schaffen, in denen sich Wahrnehmung verschiebt. Räume, in denen Komplexität sichtbar bleibt. Written Room ist ein solcher Raum. Ein Raum, der das Fremde nicht glättet, sondern bestehen lässt. Ein Raum, der Unsicherheit zulässt und gerade dadurch Offenheit schafft.

Parastou Forouhar arbeitet dabei bewusst mit Ambivalenz. Die Arbeit ist schön – beinahe verführerisch schön. Die schwarzen Linien fließen rhythmisch über Boden und Wände, sie entwickeln eine große ästhetische Sogkraft. Und gleichzeitig bleibt ein Moment der Irritation. Denn wir, als westliches Publikum, begegnen orientalischer Schrift nicht immer unvoreingenommen. Fremdheit kann Neugier auslösen – aber auch Projektionen und Unsicherheiten.

Parastou Forouhar blendet diese Spannungen nicht aus. Sie transformiert sie. Sie fordert uns auf, anders zu sehen: nicht kontrollierend, nicht entschlüsselnd, nicht aneignend – ihre Lineaturen können als Einladung zu einer Art Umarmung verstanden werden, als ein Angebot zur übersprachlichen Verständigung.

Und vielleicht zeigt uns die Künstlerin mit dieser Rauminstallation letztlich noch etwas sehr Grundsätzliches: Dass Verständigung nicht immer dort beginnt, wo alles eindeutig lesbar ist. Sondern manchmal genau dort, wo wir bereit sind, Mehrdeutigkeit auszuhalten.

Darin liegt die Kraft dieser Arbeit. Und darin liegt für mich auch die große Kraft der Kunst von Parastou Forouhar. Ihrem künstlerischen Schaffen, aber auch ihrer Haltung und vor allem ihrem Mut, sich immer wieder persönlich und bedingungslos für Freiheit und die Wahrung von Menschenrechten in ihrem Heimatland einzusetzen, – dafür gilt Dir, liebe Parastou, mein uneingeschränkter Respekt.

Ich danke Dir von Herzen!

https://www.kunstmeile.at/de/ausstellungen/parastou-forouhar

Ausstellungsvideo