Written Room, Sepp Hiekisch-Picard

Parastou Forouhar „Written Room“, Sepp Hiekisch-Picard
Katalog der Ausstellung BILD MACHT RELIGION, Kunstmuseum Bochum 2018

Die seit den 1990er Jahren in Deutschland lebende iranisch-deutsche Künstlerin Parastou Forouhar, gestaltet den Eingang in die Bochumer Ausstellung BILD MACHT RELIGION mit einem Schriftraum. Das Konzept des „Written Room“ hat sie seit 1995 als ortsspezifische Installation entwickelt, sie überzieht dabei Boden, Wände, zum Teil auch die Decke eines Raums mit kalligraphischen Zeichen, die Sprachkundigen auf den ersten Blick als lesbarer Text erscheinen, dem westlichen Betrachter als geschriebenes Ornament. Schrift wird als Schrift sichtbar, um sich gleich wieder eindeutiger Lesbarkeit zu entziehen. Kalligraphie betont in den orientalischen Kulturen die Macht und Bedeutung eines religiösen oder literarischen Textes, verleiht ihm zusätzliche Autorität. Indem die Künstlerin eine solche Bedeutung nur anklingen lässt, den Versuch, ihrer lesend habhaft zu werden, provoziert, um ein Verständnis gleichzeitig zu verweigern, befreit sie die verwendeten Schriftzeichen zum reinen Ornament. Silben und Wortfragmente fügen sich nicht zu linearen Satzstrukturen, haben keinen Anfang und kein Ende, sondern bilden ein polyfokales Allover, das sich jeglicher Eindeutigkeit entzieht. Der Raum selbst verwandelt sich, andere Qualitäten wie Rhythmus und Musikalität der Schrift-Zeichen treten hervor. Rundum umgeben von Zeichen, die sich um den Betrachter herum in Bewegung zu versetzen scheinen, gibt es keine Eindeutigkeit, keinen anderen Halt, als sich einzulassen auf eine assoziative Erfahrung, die der Wortlosigkeit eines musikalischen Erlebens nahekommt. Die Anwesenheit des Abwesenden, der Verweis der Schrift auf eine dahinterliegende Bedeutung, wird in der größtmöglichen Opulenz der tanzenden Zeichen zur Erfahrung der Abwesenheit des Anwesenden. Für Parastou Forouhar stellt der „Written Room“ eine ambivalente Erfahrung dar: einerseits eine Befreiung aus der Umarmung der muttersprachlichen Kultur, der sie sich versichern will, um sich ihr zugleich verweigern zu wollen. Der Ausstellungsbesucher kann seinen Anspruch, lesend einer Sache habhaft zu werden, nicht einlösen. Ein anderes Sehen ist gefordert, das dem Hören von Musik nicht unähnlich ist: „Ein Spüren von Sinn, dem die Worte noch fehlen – der aber von Worten auch nicht begrenzt oder in die Irre geführt werden kann.“ (Hans Zender)

Hans Zender: Waches Hören. Über Musik, München 2014