Zwischen Erneuerung und Unmöglichkeit: Nowruz als gebrochene Verheißung

Einen Tag vor Nowruz läutete mein Telefon. Auf dem Display erschien eine Nummer mit der Vorwahl 0098. Es war der erste Anruf nach Tagen der Stille – nach der staatlich verhängten Telefon- und Internetsperre infolge des israelischen und amerikanischen Angriffs auf den Iran. Für einen Moment kehrte die Welt zurück.

Am anderen Ende der Leitung war ein Freund aus Teheran. Aus jener Stadt, die ich liebe und die mir noch nie so fern und zugleich so schmerzhaft nah gewesen ist wie in diesen Tagen. Eine Stadt, in der meine Freunde und Angehörigen leben – verstreut über Viertel, die ich nun nur noch aus der Distanz sehe, während ihre Lebensräume vernichtet werden und als Rauch in den Himmel aufsteigen.

Meine Liebsten sind zu unsichtbaren Sternen in einem verdunkelten Himmel geworden. Ich halte mich an der Gewissheit ihres Daseins fest, so brüchig diese auch sein mag. Ich weiß nicht, wo sie sind. Ob sie in Sicherheit sind. Ob ihre Häuser noch stehen. Ob ihre Hoffnungen noch tragen.

Mein Freund sprach bedächtig, als müsste sich jedes Wort den Weg durch ein dichtes Dickicht aus Erschöpfung bahnen. Er wollte mir einen Text diktieren. Ich schrieb mit. Seine Stimme stockte immer mal wieder, als könnte auch sie jederzeit zerbrechen. Der Text endete mit einem Bild, das sich mir eingebrannt hat:
„Die Bäume stehen in Blüte. Zwischen den Explosionen ist noch immer das Zwitschern der Vögel zu hören. Also leben wir noch.“ Dann sagte er: Das ist eine „Amanat“ – ein Begriff, der für das treuhändig Anvertraute steht und ein häufig verwendetes Wort aus diesen Tagen. Und legte auf.

Zurück blieb ich mit diesen Sätzen und mit der Schwere am letzten Tag dieses Jahres, der zugleich der Geburtstag meiner Mutter ist. Jedes Jahr kehrt sie an diesem Tag zu mir zurück – in Erinnerungen an ihre Stimme, an ihre Wärme, an ihr unerschütterlicher Glaube an Freiheit und Iran. Manchmal fühlt sich ihre Rückkehr leicht und zart an wie ihr Name: Parvaneh – der Schmetterling.

Für sie markierte Nowruz niemals nur den Übergang in ein neues Jahr, sondern war gleichbedeutend mit einem politischen Erinnerungsraum. Der 29. Esfand, der Jahrestag der Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie, war für sie ein Memorandum der Würde – eine kurze Zeitspanne, in dem Iran so erschien, wie die Heimat sein könnte: frei, aufrecht, sich selbst gehörend.

In diesem Jahr jedoch war nichts leicht. Selbst die Erinnerungen, die sonst mein Nowruz tragen, waren verwundet. Ich konnte den Tisch nicht decken. Stattdessen stellte ich Blumen auf – als letzte, stille Geste gegen die Zerstörung.

In seinem Text schrieb mein Freund: „Dieser Frühling verheißt kein Ende des schwarzen Winters. Die Hoffnungslosigkeit schnürt mir die Kehle zu, und die Wut frisst an meiner Seele. Aber ich werde nicht zulassen, dass die Flamme der Freiheit erlischt.“

Vielleicht ist es genau das, was er mir anvertrauen wollte: der Entschluss. Ein fragiler, gefährdeter und zugleich unbeugsamer Entschluss.

In den ersten Tagen des Krieges schrieb ein Aktivist aus Teheran: „In dieser Dunkelheit ist das Mutigste, was wir tun können, aufeinander achtzugeben.“

Für diejenigen, die im Iran leben, ist dieser Satz keine Metapher. Er ist gelebte Praxis. Er bedeutet, ein Kind in die Arme zu nehmen und es zu trösten, während die Bomben fallen. Für Nachbarn einzukaufen. Nahrung zu teilen. Zuflucht zu geben. Zeugnis abzulegen.

Und wir? Was bedeutet „aufeinander achten“ für uns, die wir nur Zuschauer aus der Ferne sind? Wie begegnen wir diesem Leid? Welche Form nimmt unsere Verantwortung an?

Mein Freund schrieb voll des Zorns über jene Exiliraner*innen, die den Krieg als den einzigen gangbaren Weg zur Freiheit preisen. Eine Freundin, die den Text gelesen hatte, warf ihm vor, dieser Zorn verschließe den Raum für jeglichen Dialog.

Doch dieser Zorn ist uns nicht fremd. Er ist längst in vielen von uns heimisch. Wir reichen ihn einander weiter, vorsichtig, fast beschämt – wie eine Glut, die wir fürchten zugleich nicht löschen können. Denn wo ist die Toleranz derer, die heute den Dialog fordern? Wo ist ihr Respekt gegenüber jenen geblieben, die vor dem Krieg gewarnt haben? Wo ist ihre Bereitschaft, ihre eigenen Gewissheiten zu hinterfragen – jetzt, wo der Krieg zur Realität geworden ist?

Jeder Krieg braucht ein Narrativ. Ohne dieses lässt er sich nicht legitimieren. Die Vorstellung, dieser Angriff sei Ausdruck des „Willens des iranischen Volkes“, ist kein plötzlich auftauchendes Gedankenmodell. Es ist gemacht, produziert, verstärkt, repetiert worden, bis es sich manifestierte.

Ich habe dieses Narrativ oft gehört – selbst in Gesprächen mit westlichen Journalist*innen, die mich fragten, ob die Menschen im Iran diesen Krieg nicht begrüßten.

Zwischen der Frage und der Realität vor Ort klafft ein tiefer Abgrund. Und doch ist dieser Abgrund nicht zufällig entstanden. Er ist das Ergebnis von Diskursen, von Machtansprüchen, von gezielt gesteuerter Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit – von Stimmen, die in voller Lautstärke reproduziert werden, und anderen, die verstummen sollen. In dieses Gefüge lässt sich auch der Zorn meines Freundes zu einordnen: nicht nur als Schmerz, sondern als Widerstand gegen eine gefährliche Verzerrung der Wirklichkeit.

Und ich frage mich jeden Tag: Wohin führt uns dieser Krieg? In welches Nirgendwo? Was wird er mit uns machen?

Vielleicht liegt eine Antwort in der Aussage meines Freundes, der schrieb: „Unsere eigene Schwäche ist schuld daran, dass die Mauer so hochwachsen konnte.“ In diesem Satz liegt etwas Unbequemes. Eine Form von Selbstanklage, die nichts zu entlasten vermag.

Vor wenigen Tagen schrieb eine Freundin: „Wir hatten nur einander. Und selbst das haben wir verloren.“

Dieser Krieg zerstört nicht nur Städte. Er untergräbt auch das gegenseitige Vertrauen und den Zusammenhalt.

Als ich während des sogenannten Zwölf-Tage-Krieges gemeinsam mit anderen iranisch-deutschen Bürger*innen gegen die Unterstützung dieses Krieges durch die deutsche Regierung protestierte, eine Unterschriftenkampagne startete und vor der Bundesanwaltschaft Klage gegen den Bundeskanzler einreichte, geschah etwas, was mich bis heute beschäftigt.

Wir wandten uns gegen eine politische Haltung, die – entgegen völkerrechtlicher Verpflichtungen – einen militärischen Angriff auf Iran als „notwendige Drecksarbeit“ bezeichnete, diesen nicht nur bejahte, sondern öffentlich legitimierte, ohne das Leid der Bevölkerung auch nur zu benennen.

Doch anstelle einer offenen Auseinandersetzung mit unserer Kritik formierte sich eine Gegenkampagne unter dem Titel: „Drecksarbeit für die Demokratie“. Ein Motto, das mehr offenlegt, als es rechtfertigt. Denn in ihm verdichtet sich eine Haltung, die bereit ist, Unrecht als notwendiges Mittel zu akzeptieren – im Namen eines vermeintlich höheren Ziels. Man erkennt die Gewalt, die Zerstörung, die Opfer an – und erklärt sie zur unausweichlichen Notwendigkeit.

Doch wer diesen Schritt geht, verlässt den Boden dessen, was er zu verteidigen vorgibt. Wer im Namen der Demokratie ihre grundlegenden Prinzipien aussetzt, entleert sie ihres Inhalts.

Diese logische Schlussfolgerung ist nicht neu. Auch autoritäre Systeme – nicht zuletzt die Islamische Republik – rechtfertigen seit Jahrzehnten Gewalt als notwendig, als unvermeidlich.

Was unterscheidet diese Formen der „Drecksarbeit“, wenn sie denselben Kern teilen? „Drecksarbeit“ kennt keine Richtung. Sie zerstört – nicht nur das, was sie trifft, sondern auch die Maßstäbe, nach denen wir urteilen.

Und so bleibt am Ende nicht nur die Frage nach dem Ausgang dieses Krieges, sondern die nach unserer Haltung und uns selbst. Denn wer beginnt, Unrecht als notwendiges Mittel zu akzeptieren, hat bereits einen entscheidenden Schritt getan – weg von dem, was er zu verteidigen vorgibt.

Rechtfertigen Zorn, Hass und die Ratlosigkeit angesichts der unendlichen Unterdrückung durch die herrschende Ordnung – ebenso wie die Abscheu vor der katastrophalen Perspektive ihres Fortbestehens – die Aufgabe von Maßstäben der Menschenrechte und des Friedens?

Wehe dieser verdrehten Welt, ihrer aufgeblähten Scheinheiligkeit und ihrer enthemmten Machtdemonstrationen! Wehe dem Leid der Menschen, die rücksichtslos zwischen Machtinteressen und den tödlichen Waffen gegnerischer Kräfte zerrieben werden, deren Zuhause in Schutt und Asche aufgeht!

Doch aus all diesen Klagen, die aus der Tiefe unserer Seele aufsteigen, wird nicht nur Schmerz geboren – es entsteht auch Mitgefühl. Wir finden einander. In den kleinen Kreisen unserer Zugehörigkeit keimt neue Kraft auf, wächst Solidarität.

Aus diesem Schmerz heraus werden wir neu geboren: Wir verlangen nach Leben, suchen Hoffnung, erinnern uns an die Vermächtnisse, die uns treuhändig anvertraut wurden, und stehen zu ihnen – zu den Jahrzehnten des Kampfes für die Würde und Freiheit unseres Volkes und zu unserer Verbundenheit mit dem Heimatland.

Vor 60 Jahren, an einem dieser Frühlingstage, schrieb mein Vater aus einer Einzelzelle im Gefängnis Qezel Qal‘eh einen Brief an seine kleine Tochter:

„Heute beginnt dein viertes Lebensjahr, und ich bin fern von dir im Gefängnis, und man hat mir nicht einmal erlaubt, für einen Augenblick dein schönes Gesicht zu sehen und es mit Küssen zu benetzen. Vielleicht weißt du noch nicht, was ein Gefängnis ist, und hältst mich für schuldig, weil ich an einem solchen Tag nicht bei dir bin und mich nicht um deine Freude kümmern kann. Doch ich hoffe, dass du eines Tages, wenn du größer bist und diese kleine Notiz liest, zu jenen Menschen gehören wirst, die mehr an andere denken als an sich selbst, und dass du stolz darauf sein wirst, dass ich so oft ins Gefängnis gehen musste, damit andere frei sein können. Meine Tochter, liebe Iran, so wie ich und deine Mutter Iran lieben.“

Dies ist nur einer von unzähligen Briefen, die Väter und Mütter geschrieben haben, um das, wofür sie gekämpft und was sie im Leben aufgebaut haben, wie ein kostbares Vermächtnis zu treuen Händen ihrer Kinder zu übergeben – das Echo einer Stimme, so alt wie die Geschichte derer, die Iran und die Freiheit geliebt haben und für beides eingestanden sind. Heute ermahnen sie uns, dass auch wir so handeln müssen: Für Iran und für die Freiheit einstehen!

PS: In den Tagen, in denen ich diesen Text schrieb, verlieh die Stadt Frankfurt am Main einen neu geschaffenen Demokratiepreis (Europäischer Paulskirchenpreis für Demokratie) an eine in den USA lebende iranische Journalistin und Aktivistin. Sie gehört zu den lautesten Stimmen, die einen militärischen Angriff Israels und der USA auf Iran befürworteten. Als ich diese Nachricht las, musste ich unweigerlich an den Begriff „Drecksarbeit“ denken – und daran, in welch einer verdrehten Welt wir leben, in der sich selbst im Namen der Demokratie – und dies ausgerechnet in der symbolträchtigen Paulskirche – ihre Maßstäbe zunehmend verschieben und aufzulösen beginnen.