
Wir sind heute zusammengekommen, um den Internationalen Frauentag zu würdigen, in einer Zeit, in der im Iran – dem Land, aus dem viele von uns, die heute hier sind, stammen und mit dem wir zutiefst verbunden sind – eine existenzielle Notlage herrscht.
Der militärische Angriffskrieg der israelischen und der amerikanischen Armee, der unter dem Motto der Vernichtung der mörderischen Macht der Islamischen Republik und der Befreiung des freiheitsliebenden iranischen Volkes von einem Unrechtsregime gestartet wurde, hat sich mittlerweile als eine zerstörerische Lawine der Vernichtung entpuppt. Eine Lawine, die ununterbrochen Menschen tötet, Häuser, Straßen, Krankenhäuser, Schulen, Stadien und den gesamten Lebensraum der Menschen zerstört und in Schutt und Asche setzt.
Dieser Krieg ist kein Schicksal. Er ist das direkte Ergebnis der jahrelangen kriegstreiberischen, islamistischen Politik und der militärischen Machenschaften der Islamischen Republik. Dieses Regime hat den Konflikt bewusst angeheizt, ihn immer weiter eskaliert – und damit den Boden für die Katastrophe bereitet, die wir heute erleben.
Getötet werden aber – wie in allen Kriegen – vor allem die unbeteiligten und schutzlosen Zivilisten. Menschen, die weder an den Entscheidungen der Mächtigen beteiligt sind noch eine Möglichkeit haben, sich diesem Krieg zu entziehen.
Diesen Krieg zu verurteilen, geht nicht ohne die klare Benennung der Verantwortung der Islamischen Republik. Ein Regime, dem Menschenleben von Anfang an nichts wert waren und das seine Macht seit Jahrzehnten mit Gewalt, Repression und Unterdrückung sichert.
Zuletzt hat das Regime seine hässliche Fratze gezeigt, als es dem mutigen, landesweiten Aufstand der Iranner*innen im Januar mit einem ungeheuerlichen Massaker begegnet ist. Menschen, die für Freiheit, Würde und ihre Recht auf politische Selbstbestimmung auf die Straße gegangen sind, wurden brutal niedergeschossen, und zu zehntausende getötet.
Und nun, in diesen Tagen während der Bomben von oben fallen, patrouillieren paramilitärische Einheiten durch die Straßen. Sie verbreiten Angst und Schrecken, um die Menschen einzuschüchtern und jede Form von Widerstand im Keim zu ersticken. Das Regime zeigt seine Stärke in der Mobilisierung seiner Anhänger, im Einrichten von Checkpoints, im Verschicken von Droh-Messages per Handy und in offiziellen Mitteilungen der Kontrollorgane, die den Menschen mit Repressalien drohen.
In diesen Mitteilungen wird den Menschen klargemacht, dass jedes öffentliche Aufbegehren, als Landesverrat und als Kollaboration mit den Feinden in einer Kriegssituation gewertet werden kann. Damit versucht das Regime jede Möglichkeit des gemeinsamen Widerstands zu verhindern.
Die Menschen im Iran sind damit gefangen in einer tödlichen Zwickmühle: zwischen den Bomben eines zerstörerischen Krieges von außen und der brutalen Repression eines Regimes von innen, das seine Macht um jeden Preis verteidigen will.
Schon seit Januar und der Ausbruch der massiven Gewalt gegen den Menschen im Iran, treffen die täglichen Nachrichten aus dem Iran, die Meldungen und Bilder, die in den sozialen Netzwerken der Iraner*innen kursieren, einen dermaßen schmerzhaft, dass ich oft nicht einmal mehr in der Lage bin, aus Verbundenheit ein paar Sätze zu schreiben.
Es ist, als ob die Begriffe nicht mehr fähig wären, ihren Sinn zu übertragen. Sie kratzen nur an der Oberfläche und ziehen weiter. Was übrig bleibt, ist pure Ratlosigkeit, eine unerträgliche Wut und ein Schmerz, der in Seufzen versinkt oder in Tränen fließt.
Heute spreche ich aus genau einer solchen Empfindung heraus. Was ich sage, ist eher eine Art Ringen, um der Stummheit zu entkommen.
Und vielleicht befinden sich zurzeit viele von uns Iraner*innen in einem ähnlichen Zustand: hin- und hergerissen zwischen der Notwendigkeit, Stellung zu nehmen, zu reagieren, Worte zu finden – und der Ohnmacht, die sich mit voller Wucht aufdrängt und uns verstummen lässt.
Seit einiger Zeit – und immer häufiger, wenn ich an den Iran denke – kommt mir das Bild eines geliebten Körpers in den Sinn: verletzt und hilflos, gefesselt an einem Obduktionstisch. Aus diesem Körper wird das Leben ausgesaugt, Stück für Stück. Und er kann sich nicht befreien.
Den Menschen im Iran bin ich durch ihre Not hindurch weder eine Begleiterin noch eine wirkliche Hilfe. Und doch werde ich den Drang nicht los, genau das sein zu wollen – obwohl ich weiß, dass es kaum möglich ist.
Je bedrohlicher die Krise wird, desto dringlicher wird auch mein Versuch, die Lage zu verstehen und mich mit dem Ort zu verbinden, von dem ich so weit entfernt bin.
Seit Anfang dieses Jahres hat sich die Zeit auf erschreckende Weise verdichtet. Mit dem landesweiten Aufstand der Menschen. Mit den darauffolgenden Massakern. Mit der Schockstarre. Mit der gewaltigen Wut und der tiefen Trauer. Und schließlich mit dem Ausbruch des Krieges.
Seit den Massakern renne ich in einer Art Hysterie den offiziellen Nachrichten und den Berichten der Aktivist*innen hinterher – immer in der Hoffnung zu verstehen, was gerade geschieht, und was als Nächstes kommen wird.
Häufiger denn je schreibe ich meinen Angehörigen und Freunden im Iran. Doch oft erhalte ich keine Antwort. Oft erreiche ich niemanden. Das Internet ist blockiert. Und wenn doch einmal eine Nachricht durchkommt, nehme ich sie fast wie ein Wunder wahr – eine zerbrechliche Gewissheit, dass sie noch leben.
Alles wirkt labil, brüchig, kurz vor dem Zerfall. Wenn man überhaupt von einer Gewissheit sprechen kann, dann von der Gewissheit der mächtigen Präsenz einer unerbittlichen Krise, die von allen Seiten zuschlägt, alles überschwemmt und immer neue Abgründe an die Oberfläche spült.
Egal, wie viel Leid und Not man aufzählt – es gibt immer noch jenes Leid, das man nicht erwähnt hat. Diese Zeit wirkt für mich wie ein Ungeheuer mit Tausenden von Griffen, das ununterbrochen neue Opfer fordert. Und sie birgt Tausende noch erschreckendere Gesichter, die sie jederzeit zeigen könnte.
Diese Wahrnehmung wird noch bitterer, wenn ich an die Zukunft denke. Nicht an eine abstrakte Zukunft, die vielleicht noch Hoffnung tragen könnte, sondern an die reale Zukunft, deren Wurzeln bereits tief in den Katastrophen der Gegenwart liegen.
Den Aufbruch bürgerkriegsähnlicher Situationen, den anhaltenden Zerfall von Staat und Alltag, Energie- und Wasserknappheit, den Kollaps der ohnehin krisenhaften Wirtschaft – und vieles mehr. Wer diese Bedrohungen nicht schon heute ernst nimmt, denkt nicht im Sinne des Morgens.
Heute Morgen, als ich auf Instagram hoch und runter scrollte, stieg aus den Bildern Rauch auf. Hochgewachsene, mächtige Rauchsäulen standen im Hintergrund der abendlichen Stadtkulisse.
Gestern Abend wurden in einigen Städten – unter anderem in Teheran – große Ölvorräte bombardiert. Eine der Nachrichten kam aus Teheran, geschrieben heute Morgen, begleitet von einem Schwarz-Weiß-Foto von einem dunklen Himmel. Die Verfasserin, eine Freundin schrieb: Heute ist in Teheran der Tag nicht angekommen. Der Himmel ist noch dunkel. Die Explosionen der vergangenen Nacht haben so viel Rauch und schwarzen Qualm in die Luft gejagt, dass der Himmel dunkel geblieben ist. Als würde sogar der Himmel über Teheran trauern.
So sieht der heutige Frauentag in der Stadt aus, in der ich geboren und aufgewachsen bin – die Stadt, aus der ich komme und die ich unendlich liebe.

Was bedeutet Frauentag in solchen finstere Stunden?
Auch wenn ich mit großer Sorge und Ratlosigkeit auf diese dunklen Zeiten blicke, kann ich Funken von Hoffnung und Wärme spüren, wenn ich an den langen, beharrlichen Kampf der internationalen Frauenbewegung denke, an den an diesem Tag erinnert wird.
Und wenn ich diesen schmalen Pfad der Hoffnung aufnehme und nach Bildern und Geschichten suche, die mich und meine Hoffnung stärken können, tauchen auch Bilder aus dem Iran auf. Sie erzählen von Menschen, deren Leben extrem gefährdet ist, deren Existenz fragil geworden ist – und die dennoch sich selbst und ihre Wünsche nicht aufgeben, die nicht zurückweichen von ihrem Kampf für Menschenwürde und Selbstbestimmung.
Ich möchte eines dieser Bilder aus der jüngsten Zeit – nach dem Massaker im Januar – mit euch teilen:
Stellen Sie sich eine Frau vor, mit glattem, kurzem Haar und ernstem Blick. Sie trägt ein helles Hemd und eine dunkele Männerjacke. Sie steht, umgeben von anderen, an einem Grab – am Grab ihres 17-jährigen Sohnes.
Sie beginnt zu sprechen, so entschlossen, dass einem bang wird. Sie sagt, dass sie die Kleidung ihres getöteten Sohnes trägt. Sie zeigt auf einen Turnschuh – den linken –, der auf dem Grab liegt. Sie sagt, dass ihr Sohn mit diesem Schuh seine letzten Schritte gegangen ist, bei der Demonstration gegen die Diktatur. Das andere Paar ist verloren gegangen.
Sie sagt, dass sie diesen Schuh aufbewahrt – als Erinnerung an die letzten Schritte ihres Sohnes. Doch es ist nicht nur ein Erinnerungsstück, sondern ein Versprechen. Das Versprechen, dass sie die weiteren Schritte im Kampf für Freiheit gehen wird – die ihr Sohn selbst nicht mehr gehen konnte.
Mit einem aktuellen Post einer befreundeten Aktivistin möchte ich meinen Beitrag beenden:
Die Kontakte sind abgebrochen. Wir sind von der Außenwelt abgeschnitten. Unser Leben vergeht unter den Detonationswellen israelischer und amerikanischer Bomben – begleitet von den aggressiven Rufen paramilitärischer Anhänger des Regimes, die auf den Plätzen und Straßen patrouillieren und ihre Macht zur Schau stellen.
In dieser düsteren Zeit wird die Care-Arbeit, das gegenseitige Sich-Umsorgen, zu einer der mutigsten Formen des Widerstands. Trotz Angst und Erschöpfung halten die Menschen aneinander fest. In den Vierteln entstehen Hilfsnetzwerke. Nachbarinnen und Nachbarn kümmern sich umeinander. Sie achten auf die Älteren und die Schwächeren. Sie teilen ihre Nahrung, ihr Trinkwasser, ihre letzten Reserven.
Denn in Zeiten wie diesen liegt unsere einzige Hoffnung in der Solidarität.
Und wenn der Frauentag aus der Idee progressiver Solidarität entstanden ist, dann möchte ich euch heute um genau diese Solidarität bitten – um eure Solidarität mit den Menschen im Iran.