Rundschreiben vor meiner Abreise nach Teheran, Nov. 2018

Blog 2018-11-05

Die politischen Morde vom Herbst 98 jähren sich nun zum 20. Mal. Auch in diesem Jahr werde ich aus diesem Anlass nach Teheran reisen, um meiner Eltern, Parvaneh und Dariush Forouhar, zu gedenken.
Ich schreibe Ihnen, um Sie vor meiner Abreise um Ihre Solidarität beim Gedenken an die Opfer und bei der Förderung der Aufklärung dieser politischen Verbrechen zu bitten, dem Parvaneh und Dariush Forouhar, führende oppositionelle Politiker, zum Opfer gefallen sind, ebenso wie Mohammad Mokhtari und Mohammad Djafar Pouyandeh, Mitglieder des Schriftstellerverbandes, Madjid Sharif und Piruz Dawani, politische Aktivisten,und der Dichter Hamid Hadjizadeh zusammen mit seinem zehnjährigen Sohn Karun.


Bereits vor dem Herbst 98 wurden Dissidenten sowohl innerhalb als auch außerhalb Irans Opfer organisierter staatlicher Morde. Diese bildeten ein wiederholtes Muster der Brutalität, das den Willen der Menschen zu einem freiheitlichen Leben in den Bann des Schreckens stellen sollte. Es hat in der iranischen Geschichte eine blutige Spur hinterlassen.
Schon kurz nach diesen Verbrechen im Herbst 98 gestanden staatliche Stellen, unter massivem Druck der Öffentlichkeit, die Verwicklung des Informationsministeriums der Islamischen Republik offiziell ein. Neben dem Entsetzen keimte die Hoffnung auf, dass der systematische Machtmissbrauch der Staatsgewalt aufgeklärt und solchen Machenschaften ein Ende gesetzt werden würde.
Diese Zuversicht verflog jedoch, als der Justizapparat ganz offensichtlich eine Taktik der Vertuschung und Rechtsbeugung betrieb. Es folgten sogar Repressalien gegen Menschen, die sich für die Aufklärung einsetzten.
Meine Bemühungen, diese Prozesse zu begleiten und voran zu treiben, wurden von Beginn an durch die Kontrollorgane des Regimes erschwert. In den letzten Jahren hat sich das aber immer weiter zugespitzt.
Im Sommer 2016 hat mich das Informationsministerium der Islamischen Republik wegen “Propaganda gegen das System” und “Beleidigung von Sakrosanktem“ verklagt. Diese Klage wurde im November letzten Jahres vor dem Revolutionsgericht in Teheran verhandelt. Als Folge wurde ich zu sechs Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Über die Vorgänge habe ich diesen Bericht geschrieben:
http://iranjournal.org/kultur/forouhar-proteste
Ich habe Widerspruch eingelegt. Der Termin für das Revisionsgericht wurde auf den 14.11. 2018 festgelegt.
Die Entscheidung, mich diesem Prozess zu stellen, fiel mir von Beginn an nicht leicht. Mein Fernbleiben hätte aber nach sich ziehen können, dass ich auf unbestimmte Zeit den Iran nicht mehr bereisen kann.
Das Recht, den Iran zu besuchen, möchte ich so weit wie möglich nicht verlieren. Ich habe eine tief gehende Beziehung zu dem Land, in dem ich aufgewachsen bin – und ebenso zu den zahlreichen Menschen, die sich dort mühselig für eine freiere Gesellschaft einsetzen. Ebenso möchte ich die Erinnerungsarbeit, die ich seit Jahren vorantreibe, vor Ort fortsetzen können. Auch hierbei möchte ich Sie um Solidarität und Unterstützung bitten.
Mit freundlichen Grüssen,
Parastou Forouhar