Arbeiten
Arbeiten
Tausendundein Tag
Konstellation digitaler Zeichnungen, die als Tapeten-Muster, Daumenkinos, Animationen und Digitalprints gezeigt weden - Seit 2003
Schrift Raum Rauminstallation. Seit 1999.
Die persische Schrift wird zum
Ornament. Indem Forouhar die weißen Wände des Museums über und über mit den
Schriftzeichen übersäht, dienen sie als „Papier“ für ihren Text. Der Raum wird
zum „Schriftraum“. Während die weiße Wand des Galerieraumes gemeinhin zur
universalen Norm und unmarkierten Instanz erhoben wird, steht das orientalische
Ornament für das Abweichende. Fremd ist die Schrift auch deshalb, weil sie für
westliche Besucher nicht lesbar ist – als „unverständlicher“ Text wird sie zum
reinen Ornament. Indem sich die Schrift gegen Bedeutungszuordnungen durch
westliche Besucher verwahrt, bleibt sie in ihrer irreduziblen Bildlichkeit und
unauflösbaren Gegenständlichkeit bestehen. Der Sinn ist nicht zu begreifen;
allenfalls die beschrifteten Pingpongbälle, die den Boden der Installation
bedecken, lassen sich im haptischen Sinne be-greifen. Die Lesbarkeit wird noch
erschwert durch die Bewegung der Pingpongbälle, die auch in ihrer Kreisform
keine festen vertikalen oder horizontalen Leseachsen vorgeben, sie bilden immer
neue Muster, sind immer in Bewegung und werden zusammenhanglos. Selbst bei
Kenntnis des Persischen erweisen sich die Zeichen als Wortfragmente und Silben,
die keiner linearen Ordnung unterliegen. Das Schriftornament bedeckt den gesamten
Raum – an der Decke, auf dem Boden, an den Wänden. Die Betrachter, die die
Räume betreten, sind umgeben von den Mustern und müssen ihren
souverän-distanzierten Standpunkt aufgeben.
Alexandra Karentzos - Verortungen der Kunst
Bodyletter Photoarbeit. 2008.
Um die Bedeutung der Worte,
um die so viel gestritten wird, geht es here nicht. Sondern um ihre Form, ihre
sinnliche Gestalt, die Körperlandschaft ihrer Linien, Spuren eines unsichtbaren
Tanzes – der nachher noch stattfindet. Als hätte sich hier eine Schrift
offenbart, die sich jeder fundamentalistischen Lektüre gegenüber verweigert,
weil sie sich wie eine sinnliche Landschaft zeigt, eine Schrift, die, wie der
Tanz, die Freiräume ihrer eigenen Bewegung sucht.
Almut Sh. Bruckstein
Freitag Photoarbeit. 2003.
Die große vierteilige Photoarbeit „Freitag“ zeigt den Ausschnitt eines schönen, schwarz in schwarz ornamentierten Tschadorstoffes. Ein Daumen und ein kleines Stück der Hand sind hautfarbig sichtbar die das Tuch halten. Der fließende Stoff mit den floralen Rankenmotiven sieht festlich und kostbar aus, Faltenwurf und Handbewegung sind aber nicht eindeutig. Ob es ein Zusammenhalten oder eine Bewegung ist, die den Stoff im nächsten Moment wegreißt, bleibt in der Schwebe.
In einer Kultur des Verbergens wächst die Bedeutung des Sichtbaren. Die vorzeigbaren Körperfragmente stehen symbolisch für alles, was nicht gezeigt und nicht gesagt werden darf. Das macht sie sprechend und vieldeutig.
Der islamische Freitag ist dem christlichen Sonntag ähnlich. Für viele ist es der arbeitsfreie Tag, an dem man sich der Familie widmet und sich schön anzieht. Es ist aber auch ein Tag an dem die für Islamisten wichtigen und oft langen Freitagsgebete und -predigten in der Moschee gehalten werden. Wo Moral und Ordnung verkündet und definiert werden, wo die Mullahs im Iran oftmals vor mehreren tausend Menschen sprechen und die Masse anschließend die ausgegeben Propagandaparolen skandieren. Rhythmisch, ekstatisch
Dr. Britta Schmitz - Tausend und eine Macht
Fotograf: Renate Schildheuer
Trauerfeier Rauminstallation. 2003.
In grellen Neonfarben gedruckt auf schwarzem Untergrund überlagern sich auf dem Stoff Ornament und Kalligraphie zum typischen Phänomen der islamischen Kunst des „horror vacui“, das heißt der ganzen Füllung der Fläche durch Ornament und Bildelemente. Die Verse, die in der Landessprache Farsi geschrieben und gesprochen einen wellenartigen, ekstatischen Rhythmus haben, beziehen sich auf den Tod Hosseins. (Übersetzung)
Parastou Forouhar setzt die optisch animistische Wirkung der schönen Schrift in ihren Arbeiten ganz bewusst als auch als eine Art „Selbstverortung“ ein, ohne in die Falle des Exotischen zu treten, weil sie damit an den Überlagerungen der Kulturen anknüpft. Die orientalische „horror vacui“ Komponente verdichtet sich auch für den Nicht der Landessprache Farsi kundigen, zu einer fast erdrückenden Situation. Bildelemente wie Fatimahand, Minarette, Moscheekuppeln werden in Leerstellen eingefügt um die Mächtigkeit, Übermacht Allahs zu verdeutlichen. In der Installation verliert sich deshalb der dekorative Charakter und erinnert an die Lebensumstände seit der Revolution, wo die Durchdringung jeder Lebensmöglichkeit durch die islamische Scharia geregelt und bestimmt wird.
In der Installation „Trauerfeier“ setzt sie die kulturelle Stereotype des Orients visuell zwar vordergründig ein, durchbricht aber die falsche Lesbarkeit durch den banalen Gebrauchsgegenstand jeder Bürokratenkultur. Durch die absolute Strenge und Schlichtheit der Inszenierung kann sich der Betrachter assoziierend bewegen und leicht erkennen, daß das Ornamentale des Islam auch ein erkennbarer Ausdruck einer strengsten Gesetzlichkeit ist.
Durch die Körperlichkeit, die jedes einzelne Objekt der „Trauerfeier„ für sich besitzt und als Ensemble geradezu mächtig anschwillt, gehen der Schrecken und die Schönheit eine durchaus zynische Synthese ein.
Britta Schmitz - Tausend und ein Macht
Eslimi
Konstellation digital entworfener Stoffmuster, Präsentation als Stoffmusterbuch/ Rauminstallation/Objekte
Count Down Rauminstallation. 2008
Was oder wer wird hier abgezählt? Das Alte oder das Neue? Oder ist der Vorgang selbst ein permanenter Countdown einer aus den Fugen geratenen Lebensform? Wir können uns aber auch in den Schoß der Burka - Dame, in den funktionalen Schick der 70-er, setzen und die, insbesondere für die iranischen Künstler und Intellektuellen zur Lebenshaltung gewordene Wartezeit überbrücken.
Dokumentation Rauminstallation. Seit 1999.
Am 21. November 1998 erfuhr
Parastou Forouhars Leben einen jähen Einschnitt. An diesem Tag sind ihre
Eltern, Dariush und Parwaneh Forouhar, beide oppositionelle Politiker, in ihrem Haus in Teheran, einem vom
iranischen Geheimdienst initiierten Auftragsmord zum Opfer gefallen. Dieses Verbrechen
machte sie zu einer öffentlichen Person, wohl wissend daß auch dessen
Aufklärung nicht nur ihr und ihrer Familie, sondern auch der Öffentlichkeit
gehört. Jene Zäsur und die damit verbundene Trauer, Wut und das Gefühl der
Ohnmacht hat die Künstlerin aus ihren Arbeiten weitestgehend herausgehalten.
Die hier gezeigte Dokumentation widmet sich auf informativer Ebene dem
Verbrechen an ihren Eltern sowie ihren zähen Bemühungen um dessen Aufklärung.
Über Briefe, Zeitungsartikel, Interviewtexte, Fotos, Texte für
Pressekonferenzen sowie über die Korrespondenz mit Politikern, Behörden und
Institutionen gibt die Künstlerin einen Einblick in das Geschehnis und dessen
Fortgang. Sämtliche Materialien liegen als Kopien vor. Wohlgeordnet sind sie
auf Kartonschachteln verteilt, Presseberichte aus aller Welt sowie Briefe und
eine Auswahl der Antworten sind an Styroporplatten gepinnt. Ein Kopiergerät
steht bereit, so daß vom Besucher jedes der Dokumente vervielfältigt und
mitgenommen werden kann.
Das hier Gezeigte kreist um einen Einzelfall, der als solcher nicht übertragbar ist. Übertragbar ist jedoch all das, was durch die Dokumentation an Verhalten und Haltungen zum Vorschein kommt. Hier zeichnet sie ein düsteres Bild staatlicher Gewalt und eines Machtapparats, der unfähig ist, Vertrauen in das Individuum zu setzen und deshalb Kontrolle und Repressionen, bis hin zum Mord, einsetzt zur Legitimation bzw. zum Erhalt einer Macht, die fragwürdig und regressiv ist. Die Entscheidung, die persönliche Geschichte in den Kunstkontext zu tragen, fiel aus vielerlei Gründen nicht leicht. Unter anderem, weil Parastou Forouhar hiermit riskiert, vor allem über ihre Biografie und nicht über ihr Werk definiert zu werden. Entscheidend ist jedoch, daß sie damit ein Stück Leben zeigt und dieses in eine öffentliche Form bringt.
Natalie de Ligt
Blind Spot Photoserie. 2000.
Behnam Fotoserie. 2000.
Reich an subtiler Komik stellt Parastou Forouhar in der fotografischen Serie „Behnam“ den von einem lichten Haarkranz bedeckten Hinterkopf eines Mannes zur Schau, dessen Antlitz und Körper von einem schwarz in schwarz geblümten Tschador vollständig verhüllt ist. Wie Ornamente eingebunden in einem umlaufenden Fries reiht sich die Fotografie des am Boden ausgestreckt liegenden Mannes mit variierter Körperstellung Bild an Bild. Aus der Ferne erinnern diese Fotografien an Klecksographien, die bei bestimmten psychologischen Persönlichkeitstests angewandt werden. Erst wenn der Betrachter näher tritt, erschließt sich ihm das hinter dem seriellen Prinzip stehende ambivalente Zitat, erst dann kippt die forouharsche „ornamentale Ordnung“. Denn ein weiteres Mal entgegen der Sehgewohnheit erscheint hier keine Frau, durch den Tschador ihrer Individualität beraubt, gesichts- und identitätslos wie im iranischen Straßenbild, sondern ein Mann, dessen kostbaren Haarschmuck zu verhüllen, wahrhaftig wenig lohnt.
Schoole Mostafawi -ornament-al
Fotograf: Jogi Hild
Schilder Digitale Zeichnungen. 2004.
Die Serie der Schilder verwendet Piktogramme, das heißt allgemein verständliche Bildsymbole. Es sind komprimierte informierende Bildzeichen, die ohne weiteres entschlüsselt werden können. Gemeinhin dienen sie der visuellen Kommunikation unabhängig von der Sprache, sie dienen also der Überwindung von Sprachbarrieren. Man findet sie gerade dort, wo rasche Verständigung angestrebt wird, zum Beispiel im Straßenverkehr, an Flughäfen, an Bahnhöfen etc., es sind mehr oder weniger globale Zeichen.
Zu sehen sind hier aber Schilder, die nicht den Straßenverkehr, sondern gleichsam den ›Geschlechterverkehr‹ thematisieren. Gesichtslose Frauen in langen Schleiern und Männer bevölkern die Schilder. Wesentlich für Piktogramme ist die Auslösung von Vorstellungsketten, so lesen wir direkt heraus: ›Frauen verboten – Wir müssen draußen bleiben‹ oder ›Frauen dürfen nicht auf die Überholspur, die den Männern vorbehalten ist‹. Die zweckgebundene funktionale Verständlichkeit und Eindeutigkeit der Bildinhalte für möglichst viele Betrachter wird hier ironisch zitiert. Forouhar wirft die Frage auf, inwieweit sich die Beobachtungsschemata reduzieren lassen. Beunruhigend ist, dass solche Muster keineswegs ungewohnt sind – denn wie könnten wir andernfalls diese Piktogramme überhaupt lesen? Forouhar reflektiert die Schematismen, die bei dem Gebrauch von Unterscheidungen eine Rolle spielen, und problematisiert dieses Zeichenrepertoire.
Durch den Tschador der Frauen bietet es sich an, die Schilder im Orient zu situieren. So werden Stereotypisierungen aufgegriffen, die der Ordnung der Geschlechter in arabischen Ländern zugeschrieben werden. Der Raum, der Frauen auf den Schildern zugeteilt wird, ist extrem beengt, kleiner als der der Männer – er wird abgeteilt durch einen roten Balken, sozusagen eine doppelte Grenze. Denn bereits der Schleier definiert die Grenze zwischen weiblichen und männlichen Räumen und markiert die Schwelle von Privat und Öffentlich, von Sehen und Gesehenwerden. Die Schilder sind damit Zeichen für die sexuelle Differenz.
Im Kontext des so genannten ›Kopftuchstreites‹ in Europa können die Schilder Forouhars auch als Reflexion der Grenzziehungen gegenüber dem Fremden gesehen werden. Die männlichen Gestalten darauf sind nicht explizit als ›Araber‹ markiert, sondern bilden eine allgemeine Norm. Das Fremde verschmilzt mit dem Weiblichen. Eine solche Amalgamierung von Orient und Weiblichkeit hat bereits eine lange Tradition. Man denke nur an die Orientalisten des 19. Jahrhunderts. Mit den Schildern werden so Mechanismen der Inklusion und Exklusion dargestellt, die auch heute relevant sind. Der Orient ist das Andere: »In der Universalität der abendländischen Ratio gibt es den Trennungsstrich, den der Orient darstellt«, wie Michel Foucault erklärt.
Ähnlich der avantgardistischen Kunst des Konstruktivismus versucht Forouhar eine Elementarisierung der Formensprache, um davon ausgehend zu einer ›neuen Grammatik‹ und ›Syntax‹ des Visuellen zu gelangen. Im Gegensatz zum Konstruktivismus aber operiert Forouhar mit einer Übercodierung der Zeichen, die eine ironische Brechung vorführen. Die Schilder zeigen so deutlich die Klischees, dass sie sie als Klischees vorführen, wie es einer Beobachtung zweiter Ordnung entspricht. Klischee ist hier auch im wörtlichen Sinne zu verstehen als identische Druckform, die sich beliebig oft wiederholen lässt. Auch im Medium des Piktogramms ist bereits die Möglichkeit der Vervielfältigung angelegt. Der ›Schilderwald‹ ist endlos reproduzierbar.
Alexandra Karentzos - Unterscheiden des Unterscheidens
Swanrider Photoserie. 2004.
Neben dem Märchenbezug werden Assoziationen an weitere Metamorphosen aus der westlichen Tradition wachgerufen: In Richard Wagners Oper wird Lohengrin, der Ritter in silberner Rüstung, Inbegriff des deutschen ›Urmythos‹, auf einem Nachen von einem Schwan gezogen, der sich später als Gottfried erweist. Als Bühne für ihren eigenen Auftritt wählt Forouhar passenderweise den Ort Bad Ems an der Lahn in Deutschland. In ihren Bildern ist der Schwan jedoch nicht etwa eine Requisite aus einer Lohengrin-Aufführung, sondern ein profanes Tretboot mit Namen Hugo, wie es auf einigen Fotografien deutlich wird. Forouhar eignet sich diesen als ›urdeutsch‹ ausgewiesenen Mythos an, verfremdet ihn buchstäblich, indem sie ihn konfrontiert mit der als fremd markierten Schleierfrau.
Das Tretboot konterkariert zudem den Bezug zum Ledamythos, in dem der antike Gott Zeus sich der schönen Jungfrau Leda in Gestalt eines Schwans nähert. Solche Fruchtbarkeitsmythen werden umgekehrt – nicht Zeus bedeckt die Frau, sondern der Tschador breitet sich ornamental auf dem Schwan aus. Dennoch lassen sich traditionelle Bildstrukturen des Leda-Motivs wiedererkennen, etwa wenn der lange, geschwungene Hals des Vogels mit der Frau und ihrem Gewand parallelisiert wird.
Indem Forouhars Werk in seinen vielfältigen Bezügen auf Mythen vom Urgermanischen und vom Griechischen als so genannter Wiege der europäischen Kultur lesbar ist, greift es ein Sinnarsenal auf, mit dem die westliche Gesellschaft ihr Eigenes konstruiert und definiert, das heißt abgrenzt. Dieses Terrain des ›Eigenen‹ wird von Forouhar ironisch besetzt. So ist dieses Werk Forouhars auf eine westlich geprägte Rezeption angelegt; im Iran fehlt gemeinhin der Kontext, um die Anspielungen auf westliche Traditionen zu entschlüsseln.
Zu den Anspielungen des Werks gehört nicht zuletzt die Referenz auf Actionfilme und Computerspiele wie die Serie Tomb Rider in der sich eine Frau in hautenger Kleidung mit Waffengewalt durchsetzt. Die Assoziationsketten von Schleier, Islam, Terrorismus, die seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York medial immer wieder aufgerufen werden, brechen wiederum mit der märchenhaften Idylle.
Dr. Alexandra Karentzos - Unterscheiden des Unterscheidens
Rot ist mein Name, Grün ist mein Name Digitale Zeichnungen . 2008
Jede Irritation, jede kleinste Veränderung innerhalb eines
Ornaments führt zu massiven Störung, zum Zusammenbruch des Systems.
Individualität ist nicht vorgesehen, Ausscheren nicht erlaubt. ...
Forouhars Ornamente sind pure Brutalität, bestehen aus
Messern und männlichen Geschlechtsorganen, entpuppen sich als Folterszenen und
Mordgelüste.
Iranian Fall Digitale Zeichnungen. 2008
In her new series of drawings IRANIAN FALL, Parastou
Forouhar returnes once more to the subject of the political killings in Iran.
The images are based on information she has gathered about the circumstances of
the killings, such as the photographs of the scene of her parents murder, as
well as on what she imagines the victims must have experienced. In that sense
her work is very personal. Adressing the powerlessness of victims of state
repression, Forouhar makes the personal tragedy universal.
Safari Objekt. 2004.
Schuhe ausziehen Zeichnungen. 2000.
Wenn man die Ausstellung betritt, ziehen zunächst halblaute,
angenehme Stimmen aus einem Monitor die Aufmerksamkeit auf sich, und dann der
Film selbst, ein Behörden-Comic in schwarz-weiß. Es ist ein Endlos-Video aus
mehreren Episoden, der Film kann an jeder Stelle beginnen und enden, wie der
Behördenalltag selbst. Hier einige Ausschnitte:
Frauenstimme: "Ich soll den Brief hier abgeben".
Männerstimme: "Heute geschlossen. Sie dürfen sich hier
nicht aufhalten."
Sie: "Ich komme morgen wieder".
Er: "Setzen Sie sich wie alle anderen".
Sie: "Er hat uns gesehen. Jemand ist hinter dem
Baum."
Er: "Sind diese beiden Frauen immer noch da ?"
Sie: "Sie schicken immer denselben."
Er: "Gehen Sie erst zur Durchsuchungskabine. Schuhe
ausziehen."
Sie: "Die Schuhe stinken doch."
Er: "Gerade sitzen."
Sie: "... wie hält er diesen Geruch aus ?".
Er: "Gnädige Frau. Sie warten umsonst."
Sie: "Meinst du, er ist auch ein Spitzel?"
Er: "Im Namen Gottes, die Sitzung ist eröffnet. Hier sind ihre beantragten
Dokumente. Sie dürfen sie lesen,
aber nicht mitnehmen."
Die deutschen Synchron-Stimmen passen zum Text, als ob sie Kafka lesen würden. Aber es sind Szenen aus dem Ayatollah-Regime im Iran, und manches ist wie in allen Behörden: das Desinteresse und der Hochmut der Beamten, ihre Unterwerfungserwartungen, die Amts- und Männerattribute - hier die islamische Variante mit Turban, Bart, Kettchen und Staatswimpel auf dem Tisch. Etwas ist jedoch anders und bringt einen heiteren Ton hinein, nämlich die Beharrlichkeit der Bittstellerin, ihre Spur von Widerstand und Unvereinbarkeit mit diesem System.
Parastou Forouhar hat hier eigene Erfahrungen verarbeitet. Der Film "Schuhe ausziehen" ist nicht nur ein Behörden-Comic, sondern auch ein zeichnerischer Essay zum Begehren der Tochter auf Akteneinsicht über die Ermordung ihrer Eltern am 21. November 1998, während einer Welle politischer Morde im Iran. Die Eltern Parastou Forouhars waren prominente Oppositionspolitiker, sie wurden in ihrem Haus in Teheran überfallen und erstochen.
Prof. Dr. Hermann Pfütze - Tausendundein Tag


