Arbeiten

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Tausendundein Tag

Tausendundein Tag

Konstellation digitaler Zeichnungen, die als Tapeten-Muster, Daumenkinos, Animationen und Digitalprints gezeigt weden - Seit 2003

Schrift Raum  Rauminstallation. Seit 1999.

Schrift Raum Rauminstallation. Seit 1999.

Die persische Schrift wird  zum Ornament. Indem Forouhar die weißen Wände des Museums über und über mit den Schriftzeichen übersäht, dienen sie als „Papier“ für ihren Text. Der Raum wird zum „Schriftraum“. Während die weiße Wand des Galerieraumes gemeinhin zur universalen Norm und unmarkierten Instanz erhoben wird, steht das orientalische Ornament für das Abweichende. Fremd ist die Schrift auch deshalb, weil sie für westliche Besucher nicht lesbar ist – als „unverständlicher“ Text wird sie zum reinen Ornament. Indem sich die Schrift gegen Bedeutungszuordnungen durch westliche Besucher verwahrt, bleibt sie in ihrer irreduziblen Bildlichkeit und unauflösbaren Gegenständlichkeit bestehen. Der Sinn ist nicht zu begreifen; allenfalls die beschrifteten Pingpongbälle, die den Boden der Installation bedecken, lassen sich im haptischen Sinne be-greifen. Die Lesbarkeit wird noch erschwert durch die Bewegung der Pingpongbälle, die auch in ihrer Kreisform keine festen vertikalen oder horizontalen Leseachsen vorgeben, sie bilden immer neue Muster, sind immer in Bewegung und werden zusammenhanglos. Selbst bei Kenntnis des Persischen erweisen sich die Zeichen als Wortfragmente und Silben, die keiner linearen Ordnung unterliegen. Das Schriftornament bedeckt den gesamten Raum – an der Decke, auf dem Boden, an den Wänden. Die Betrachter, die die Räume betreten, sind umgeben von den Mustern und müssen ihren souverän-distanzierten Standpunkt aufgeben.    

 Alexandra Karentzos - Verortungen der Kunst

Bodyletter  Photoarbeit. 2008.

Bodyletter Photoarbeit. 2008.

Um die Bedeutung der Worte, um die so viel gestritten wird, geht es here nicht. Sondern um ihre Form, ihre sinnliche Gestalt, die Körperlandschaft ihrer Linien, Spuren eines unsichtbaren Tanzes – der nachher noch stattfindet. Als hätte sich hier eine Schrift offenbart, die sich jeder fundamentalistischen Lektüre gegenüber verweigert, weil sie sich wie eine sinnliche Landschaft zeigt, eine Schrift, die, wie der Tanz, die Freiräume ihrer eigenen Bewegung sucht.

Almut Sh. Bruckstein  

Freitag  Photoarbeit. 2003.

Freitag Photoarbeit. 2003.

Die große vierteilige Photoarbeit „Freitag“ zeigt den Ausschnitt eines schönen, schwarz in schwarz ornamentierten Tschadorstoffes. Ein Daumen und ein kleines Stück der Hand sind hautfarbig sichtbar die das Tuch halten. Der fließende Stoff mit den floralen Rankenmotiven sieht festlich und kostbar aus, Faltenwurf und Handbewegung sind aber nicht eindeutig. Ob es ein Zusammenhalten oder eine Bewegung ist, die den Stoff im nächsten Moment wegreißt, bleibt in der Schwebe.

In einer Kultur des Verbergens wächst die Bedeutung des Sichtbaren. Die vorzeigbaren Körperfragmente stehen symbolisch für alles, was nicht gezeigt und nicht gesagt werden darf. Das macht sie sprechend und vieldeutig.

Der islamische Freitag ist dem christlichen Sonntag ähnlich. Für viele ist es der arbeitsfreie Tag, an dem man sich der Familie widmet und sich schön anzieht. Es ist aber auch ein Tag an dem die für Islamisten wichtigen und oft langen Freitagsgebete und -predigten in der Moschee gehalten werden. Wo Moral und Ordnung verkündet und definiert werden, wo die Mullahs im Iran oftmals vor mehreren tausend Menschen sprechen und die Masse anschließend die ausgegeben Propagandaparolen skandieren. Rhythmisch, ekstatisch

Dr. Britta Schmitz - Tausend und eine Macht

Fotograf: Renate Schildheuer

Trauerfeier  Rauminstallation. 2003.

Trauerfeier Rauminstallation. 2003.
Für die Arbeit „Trauerfeier“ hat Parastou Forouhar die für uns so dekorativen Stoffe der Trauerzeremonien benutzt, um Bürostühle zu verhüllen. Auf den ersten Blick sehen sie wie Schonbezüge aus, die zu kurz geraten sind um die Stuhlbeine und Rollenfüsse zu bedecken. Zur Gruppe locker verbunden, bilden sie ein buntes Ensemble, in dem sich Fremdes und Alltägliches miteinander verschränken. Ein Wechselspiel von Nähe und Ferne die den Betrachter im selben Moment aktiviert und ausschließt. Insofern entwickelt die Arbeit eine Aura die Walter Benjamin als „ einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ charakterisiert.

In grellen Neonfarben gedruckt auf schwarzem Untergrund überlagern sich auf dem Stoff Ornament und Kalligraphie zum typischen Phänomen der islamischen Kunst des „horror vacui“, das heißt der ganzen Füllung der Fläche durch Ornament und Bildelemente. Die Verse, die in der Landessprache Farsi geschrieben und gesprochen einen wellenartigen, ekstatischen Rhythmus haben, beziehen sich auf den Tod Hosseins. (Übersetzung)

Parastou Forouhar setzt die optisch animistische Wirkung der schönen Schrift in ihren Arbeiten ganz bewusst als auch als eine Art „Selbstverortung“ ein, ohne in die Falle des Exotischen zu treten, weil sie damit an den Überlagerungen der Kulturen anknüpft. Die orientalische „horror vacui“ Komponente verdichtet sich auch für den Nicht der Landessprache Farsi kundigen, zu einer fast erdrückenden Situation. Bildelemente wie Fatimahand, Minarette, Moscheekuppeln werden in Leerstellen eingefügt um die Mächtigkeit, Übermacht Allahs zu verdeutlichen. In der Installation verliert sich deshalb der dekorative Charakter und erinnert an die Lebensumstände seit der Revolution, wo die Durchdringung jeder Lebensmöglichkeit durch die islamische  Scharia geregelt und bestimmt wird.

In der Installation „Trauerfeier“ setzt sie die kulturelle Stereotype des Orients visuell zwar vordergründig ein, durchbricht aber die falsche Lesbarkeit durch den banalen Gebrauchsgegenstand jeder Bürokratenkultur. Durch die absolute Strenge und Schlichtheit der Inszenierung kann sich der Betrachter assoziierend bewegen und leicht erkennen, daß das Ornamentale des Islam auch ein erkennbarer Ausdruck einer strengsten Gesetzlichkeit ist.

Durch die Körperlichkeit, die jedes einzelne Objekt der „Trauerfeier„ für sich besitzt und als Ensemble geradezu mächtig anschwillt, gehen der Schrecken und die Schönheit eine durchaus zynische Synthese ein.

Britta Schmitz - Tausend und ein Macht 

Eslimi

Eslimi

Konstellation digital entworfener Stoffmuster, Präsentation als Stoffmusterbuch/ Rauminstallation/Objekte

Count Down  Rauminstallation. 2008

Count Down Rauminstallation. 2008

Was oder wer wird hier abgezählt? Das Alte oder das Neue? Oder ist der Vorgang selbst ein permanenter Countdown einer aus den Fugen geratenen Lebensform? Wir können uns aber auch in den Schoß der Burka - Dame,  in den funktionalen Schick der 70-er, setzen und die, insbesondere für die iranischen Künstler und Intellektuellen zur Lebenshaltung gewordene Wartezeit überbrücken.


Dr. Hamid Ongha 

Dokumentation  Rauminstallation. Seit 1999.

Dokumentation Rauminstallation. Seit 1999.

Am 21. November 1998 erfuhr Parastou Forouhars Leben einen jähen Einschnitt. An diesem Tag sind ihre Eltern, Dariush und Parwaneh Forouhar, beide oppositionelle Politiker, in ihrem Haus in Teheran, einem vom iranischen Geheimdienst initiierten Auftragsmord zum Opfer gefallen. Dieses Verbrechen machte sie zu einer öffentlichen Person, wohl wissend daß auch dessen Aufklärung nicht nur ihr und ihrer Familie, sondern auch der Öffentlichkeit gehört. Jene Zäsur und die damit verbundene Trauer, Wut und das Gefühl der Ohnmacht hat die Künstlerin aus ihren Arbeiten weitestgehend herausgehalten. Die hier gezeigte Dokumentation widmet sich auf informativer Ebene dem Verbrechen an ihren Eltern sowie ihren zähen Bemühungen um dessen Aufklärung. Über Briefe, Zeitungsartikel, Interviewtexte, Fotos, Texte für Pressekonferenzen sowie über die Korrespondenz mit Politikern, Behörden und Institutionen gibt die Künstlerin einen Einblick in das Geschehnis und dessen Fortgang. Sämtliche Materialien liegen als Kopien vor. Wohlgeordnet sind sie auf Kartonschachteln verteilt, Presseberichte aus aller Welt sowie Briefe und eine Auswahl der Antworten sind an Styroporplatten gepinnt. Ein Kopiergerät steht bereit, so daß vom Besucher jedes der Dokumente vervielfältigt und mitgenommen werden kann.

Das hier Gezeigte kreist um einen Einzelfall, der als solcher nicht übertragbar ist. Übertragbar ist jedoch all das, was durch die Dokumentation an Verhalten und Haltungen zum Vorschein kommt. Hier zeichnet sie ein düsteres Bild staatlicher Gewalt und eines Machtapparats, der unfähig ist, Vertrauen in das Individuum zu setzen und deshalb Kontrolle und Repressionen, bis hin zum Mord, einsetzt zur Legitimation bzw. zum Erhalt einer Macht, die fragwürdig und regressiv ist. Die Entscheidung, die persönliche Geschichte in den Kunstkontext zu tragen, fiel aus vielerlei Gründen nicht leicht. Unter anderem, weil Parastou Forouhar hiermit riskiert, vor allem über ihre Biografie und nicht über ihr Werk definiert zu werden. Entscheidend ist jedoch, daß sie damit ein Stück Leben zeigt und dieses in eine öffentliche Form bringt.

Natalie de Ligt    

Blind Spot  Photoserie. 2000.

Blind Spot Photoserie. 2000.

Die Fotoserie der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar führt den Betrachter in einen schwarz-weißen Nicht-Raum, in der die harten Silhouetten der Körper wie absurde Manifestationen einer sterilen Welt wirken. Beinahe lebensgroß, buchstabieren die Rückansichten des Männerschädels im Tschador eine Ansprache, die dem Betrachter einige Unerschrockenheit abverlangt. Doch wovon ist die Rede? Vor-Urteile fängt die Gestalt mühelos ab und wirft sie als Frage zurück: Wer spricht? Mit welchem Recht? In welcher Sprache? 
Und unter dem Schleier blitzt überdies ein täuschend naheliegendes Angebot hervor, beinahe werbetauglich: Ironie für denjenigen, der Forouhars Superzeichen der Entfremdung sofort »versteht«. 
Die Figuren sitzen und stehen in einer freigestellten Welt, die dem Pathos mit scharfem Skalpell zu Leibe rückt. Im wahrsten Sinne. Dem kann man sich natürlich anschließen. Doch gerade, weil sie von sich aus so fremdartig lustig und ihrem innewohnenden Potential gegenüber so in Strenge erstarrt sind, will der Blick des Betrachters sich von der Nahsicht abkehren und nach weiteren Formulierungen der Realität Ausschau halten. 
Einige Schritte zurücktretend, zeigt sich der von Forouhar in Besitz genommene Raum bereits in anderem Zusammenhang. Schwarze Formen reihen sich aneinander, der Blick wandert an hautfarbenen Halbkugeln durch den Raum. Mal vollflächig, mal im Profil markieren diese blinden Flecken in den Gewändern eine bisher unbekannte Körper-Fläche.
Auf einer beliebigen Landkarte würde ein blinder Fleck jenes Terrain bezeichnen, wo man vermutlich ähnliches Leben, gleichartige Formen anträfe wie in dessen unmittelbarer Umgebung: Beweisen ließe sich das jedoch nicht, solange ihn nicht jemand erforscht, und bezeichnet hätte.
Phyllis Kiehl - Blind Spot
Fotograf: Jogi Hild

Behnam  Fotoserie. 2000.

Behnam Fotoserie. 2000.

Reich an subtiler Komik stellt Parastou Forouhar in der fotografischen Serie „Behnam“ den von einem lichten Haarkranz bedeckten Hinterkopf eines Mannes zur Schau, dessen Antlitz und Körper von einem schwarz in schwarz geblümten Tschador vollständig verhüllt ist. Wie Ornamente eingebunden in einem umlaufenden Fries reiht sich die Fotografie des am Boden ausgestreckt liegenden Mannes mit variierter Körperstellung Bild an Bild. Aus der Ferne erinnern diese Fotografien an Klecksographien, die bei bestimmten psychologischen Persönlichkeitstests angewandt werden. Erst wenn der Betrachter näher tritt, erschließt sich ihm das hinter dem seriellen Prinzip stehende ambivalente Zitat, erst dann kippt die forouharsche „ornamentale Ordnung“. Denn ein weiteres Mal entgegen der Sehgewohnheit erscheint hier keine Frau, durch den Tschador ihrer Individualität beraubt, gesichts- und identitätslos wie im iranischen Straßenbild, sondern ein Mann, dessen kostbaren Haarschmuck zu verhüllen, wahrhaftig wenig lohnt.

Schoole Mostafawi -ornament-al

Fotograf: Jogi Hild

Schilder  Digitale Zeichnungen. 2004.

Schilder Digitale Zeichnungen. 2004.

Die Serie der Schilder verwendet Piktogramme, das heißt allgemein verständliche Bildsymbole. Es sind komprimierte informierende Bildzeichen, die ohne weiteres entschlüsselt werden können. Gemeinhin dienen sie der visuellen Kommunikation unabhängig von der Sprache, sie dienen also der Überwindung von Sprachbarrieren. Man findet sie gerade dort, wo rasche Verständigung angestrebt wird, zum Beispiel im Straßenverkehr, an Flughäfen, an Bahnhöfen etc., es sind mehr oder weniger globale Zeichen.

Zu sehen sind hier aber Schilder, die nicht den Straßenverkehr, sondern gleichsam den ›Geschlechterverkehr‹ thematisieren. Gesichtslose Frauen in langen Schleiern und Männer bevölkern die Schilder. Wesentlich für Piktogramme ist die Auslösung von Vorstellungsketten, so lesen wir direkt heraus: ›Frauen verboten – Wir müssen draußen bleiben‹ oder ›Frauen dürfen nicht auf die Überholspur, die den Männern vorbehalten ist‹. Die zweckgebundene funktionale Verständlichkeit und Eindeutigkeit der Bildinhalte für möglichst viele Betrachter wird hier ironisch zitiert. Forouhar wirft die Frage auf, inwieweit sich die Beobachtungsschemata reduzieren lassen. Beunruhigend ist, dass solche Muster keineswegs ungewohnt sind – denn wie könnten wir andernfalls diese Piktogramme überhaupt lesen? Forouhar reflektiert die Schematismen, die bei dem Gebrauch von Unterscheidungen eine Rolle spielen, und problematisiert dieses Zeichenrepertoire.

Durch den Tschador der Frauen bietet es sich an, die Schilder im Orient zu situieren. So werden Stereotypisierungen aufgegriffen, die der Ordnung der Geschlechter in arabischen Ländern zugeschrieben werden. Der Raum, der Frauen auf den Schildern zugeteilt wird, ist extrem beengt, kleiner als der der Männer – er wird abgeteilt durch einen roten Balken, sozusagen eine doppelte Grenze. Denn bereits der Schleier definiert die Grenze zwischen weiblichen und männlichen Räumen und markiert die Schwelle von Privat und Öffentlich, von Sehen und Gesehenwerden. Die Schilder sind damit Zeichen für die sexuelle Differenz.

Im Kontext des so genannten ›Kopftuchstreites‹ in Europa können die Schilder Forouhars auch als Reflexion der Grenzziehungen gegenüber dem Fremden gesehen werden. Die männlichen Gestalten darauf sind nicht explizit als ›Araber‹ markiert, sondern bilden eine allgemeine Norm. Das Fremde verschmilzt mit dem Weiblichen. Eine solche Amalgamierung von Orient und Weiblichkeit hat bereits eine lange Tradition. Man denke nur an die Orientalisten des 19. Jahrhunderts. Mit den Schildern werden so Mechanismen der Inklusion und Exklusion dargestellt, die auch heute relevant sind. Der Orient ist das Andere: »In der Universalität der abendländischen Ratio gibt es den Trennungsstrich, den der Orient darstellt«, wie Michel Foucault erklärt.

Ähnlich der avantgardistischen Kunst des Konstruktivismus versucht Forouhar eine Elementarisierung der Formensprache, um davon ausgehend zu einer ›neuen Grammatik‹ und ›Syntax‹ des Visuellen zu gelangen. Im Gegensatz zum Konstruktivismus aber operiert Forouhar mit einer Übercodierung der Zeichen, die eine ironische Brechung vorführen. Die Schilder zeigen so deutlich die Klischees, dass sie sie als Klischees vorführen, wie es einer Beobachtung zweiter Ordnung entspricht. Klischee ist hier auch im wörtlichen Sinne zu verstehen als identische Druckform, die sich beliebig oft wiederholen lässt. Auch im Medium des Piktogramms ist bereits die Möglichkeit der Vervielfältigung angelegt. Der ›Schilderwald‹ ist endlos reproduzierbar.

Alexandra Karentzos - Unterscheiden des Unterscheidens

Swanrider  Photoserie. 2004.

Swanrider Photoserie. 2004.
Das ironische Spiel mit Differenzen treibt Forouhar in der Fotoserie Swanrider von 2004 auf die Spitze: Eine Frau im schwarzen Tschador, erkennbar als die Künstlerin, reitet auf einem riesigen weißen Schwan auf einem Fluss. Der Schwarz-Weiß-Kontrast dominiert die Szenerie. Mit einer solchen Schwarz-Weiß-Malerei wird eine Struktur von Märchen aufgegriffen, die durch Dichotomien wie Gut und Böse, Glück und Pech, Schön und Hässlich gekennzeichnet sind. Aufgerufen wird Hans Christian Andersens Erzählung vom hässlichen Entlein, das sich in den wunderschönen Schwan verwandelt: eine Entwicklung vom Außenseiter – denn das vermeintliche Entlein ist aufgrund seiner Andersartigkeit, seiner dunklen Federn, aus dem Entennest verstoßen worden – zum strahlenden Mittelpunkt. Mit solchen Anspielungen auf wundersame Verwandlungen wird die Rolle der fremden Frau im dunklen Tschador ironisiert.

Neben dem Märchenbezug werden Assoziationen an weitere Metamorphosen aus der westlichen Tradition wachgerufen: In Richard Wagners Oper wird Lohengrin, der Ritter in silberner Rüstung, Inbegriff des deutschen ›Urmythos‹, auf einem Nachen von einem Schwan gezogen, der sich später als Gottfried erweist. Als Bühne für ihren eigenen Auftritt wählt Forouhar passenderweise den Ort Bad Ems an der Lahn in Deutschland. In ihren Bildern ist der Schwan jedoch nicht etwa eine Requisite aus einer Lohengrin-Aufführung, sondern ein profanes Tretboot mit Namen Hugo, wie es auf einigen Fotografien deutlich wird. Forouhar eignet sich diesen als ›urdeutsch‹ ausgewiesenen Mythos an, verfremdet ihn buchstäblich, indem sie ihn konfrontiert mit der als fremd markierten Schleierfrau.

Das Tretboot konterkariert zudem den Bezug zum Ledamythos, in dem der antike Gott Zeus sich der schönen Jungfrau Leda in Gestalt eines Schwans nähert. Solche Fruchtbarkeitsmythen werden umgekehrt – nicht Zeus bedeckt die Frau, sondern der Tschador breitet sich ornamental auf dem Schwan aus. Dennoch lassen sich traditionelle Bildstrukturen des Leda-Motivs wiedererkennen, etwa wenn der lange, geschwungene Hals des Vogels mit der Frau und ihrem Gewand parallelisiert wird.

Indem Forouhars Werk in seinen vielfältigen Bezügen auf Mythen vom Urgermanischen und vom Griechischen als so genannter Wiege der europäischen Kultur lesbar ist, greift es ein Sinnarsenal auf, mit dem die westliche Gesellschaft ihr Eigenes konstruiert und definiert, das heißt abgrenzt. Dieses Terrain des ›Eigenen‹ wird von Forouhar ironisch besetzt. So ist dieses Werk Forouhars auf eine westlich geprägte Rezeption angelegt; im Iran fehlt gemeinhin der Kontext, um die Anspielungen auf westliche Traditionen zu entschlüsseln.

Zu den Anspielungen des Werks gehört nicht zuletzt die Referenz auf Actionfilme und Computerspiele wie die Serie Tomb Rider in der sich eine Frau in hautenger Kleidung mit Waffengewalt durchsetzt. Die Assoziationsketten von Schleier, Islam, Terrorismus, die seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York medial immer wieder aufgerufen werden, brechen wiederum mit der märchenhaften Idylle.

Dr. Alexandra Karentzos - Unterscheiden des Unterscheidens

Fotograf: Annette Hornischer

Rot ist mein Name, Grün ist mein Name  Digitale Zeichnungen   . 2008 

Rot ist mein Name, Grün ist mein Name Digitale Zeichnungen . 2008

Jede Irritation, jede kleinste Veränderung innerhalb eines Ornaments führt zu massiven Störung, zum Zusammenbruch des Systems. Individualität ist nicht vorgesehen, Ausscheren nicht erlaubt. ...

Forouhars Ornamente sind pure Brutalität, bestehen aus Messern und männlichen Geschlechtsorganen, entpuppen sich als Folterszenen und Mordgelüste.

Sabine B. Vogel aus der Katalog zur Ausstellung Die Macht Des Ornaments.

Parade Digitale Zeichnungen. 2008 

Parade Digitale Zeichnungen. 2008

Iranian Fall Digitale Zeichnungen. 2008 

Iranian Fall Digitale Zeichnungen. 2008

In her new series of drawings IRANIAN FALL, Parastou Forouhar returnes once more to the subject of the political killings in Iran. The images are based on information she has gathered about the circumstances of the killings, such as the photographs of the scene of her parents murder, as well as on what she imagines the victims must have experienced. In that sense her work is very personal. Adressing the powerlessness of victims of state repression, Forouhar makes the personal tragedy universal.

Eefje Blankevoort

Elsa's Verkündigung  Photoserie. 2005.

Elsa's Verkündigung Photoserie. 2005.

Safari  Objekt. 2004.

Safari Objekt. 2004.
Auf andere Weise (als bei der Arbeit Schrift Raum) verbinden sich Schrift und Raum in der Arbeit „Safari“. Schriftzeichen und Ornamente bedecken einen riesenhaften Sack. Der Titel verspricht Abenteuer, Wildnis und exotische Welten. Die Jagd führt jedoch ins Museum. Zeichen stehen gewöhnlich für etwas, hier aber können sie wieder nicht präzisiert werden, sie bleiben im Unbestimmten. Die Schrift verweist für die westlichen Betrachter nicht auf etwas anderes, sondern auf das Andere schlechthin, auf das undurchschaubar Fremde, für das auch der Orient steht. Visualisiert wird dieses Unergründliche, Verhüllte geradezu durch die ornamentreichen Tschadorstoffe, die in dem Sack vernäht sind. Der Sack ist somit buchstäblich ein Fremdkörper. Gewöhnlich werden einige der Stoffe, aus denen der Sack genäht ist, für schiitische Trauerzeremonie verwendet. Es handelt sich um grellbunte Massenware, wie sie Forouhar auch für die Installation „Trauerfeier“ von 2003 verwendet. Ist man des Persischen mächtig, erkennt man die Totenklage um den schiitischen Märtyrer Imam Hossein. Zu lesen ist dann beispielsweise: „Dieser König ohne Armee begleitet von Tränen und Trauer, die Wunden an seinem Körper sind zahlreicher als die Sterne am Himmel... Dieser Fisch, untergegangen im Meer von Blut, ist dein Hossein...“ Die Bedeutung bleibt im westlichen Kontext des Museums jedoch gewöhnlich verborgen. Was bleibt, ist der Farbenrausch und die Schwingungen der Schrift. Dass sie sich jedoch nicht in die vertraute Ordnung fügt, wird durch das Unförmige des Sackes betont.

Dr. Alexandra Karentzos - Verortungen der Kunst

Schuhe ausziehen  Zeichnungen. 2000.

Schuhe ausziehen Zeichnungen. 2000.

Wenn man die Ausstellung betritt, ziehen zunächst halblaute, angenehme Stimmen aus einem Monitor die Aufmerksamkeit auf sich, und dann der Film selbst, ein Behörden-Comic in schwarz-weiß. Es ist ein Endlos-Video aus mehreren Episoden, der Film kann an jeder Stelle beginnen und enden, wie der Behördenalltag selbst. Hier einige Ausschnitte:

Frauenstimme: "Ich soll den Brief hier abgeben".

Männerstimme: "Heute geschlossen. Sie dürfen sich hier nicht aufhalten."

Sie: "Ich komme morgen wieder".

Er: "Setzen Sie sich wie alle anderen".

Sie: "Er hat uns gesehen. Jemand ist hinter dem Baum."

Er: "Sind diese beiden Frauen immer noch da ?"

Sie: "Sie schicken immer denselben."

Er: "Gehen Sie erst zur Durchsuchungskabine. Schuhe ausziehen."

Sie: "Die Schuhe stinken doch."

Er: "Gerade sitzen."

Sie: "... wie hält er diesen Geruch aus ?".

Er: "Gnädige Frau. Sie warten umsonst."

Sie: "Meinst du, er ist auch ein Spitzel?"

Er: "Im Namen Gottes, die Sitzung ist eröffnet.  Hier sind ihre beantragten 

      Dokumente. Sie dürfen sie lesen, aber nicht mitnehmen."

Die deutschen Synchron-Stimmen passen zum Text, als ob sie Kafka lesen würden. Aber es sind Szenen aus dem Ayatollah-Regime im Iran, und manches ist wie in allen Behörden: das Desinteresse und der Hochmut der Beamten, ihre Unterwerfungserwartungen, die Amts- und Männerattribute - hier die islamische Variante mit Turban, Bart, Kettchen und Staatswimpel auf dem Tisch. Etwas ist jedoch anders und bringt einen heiteren Ton hinein, nämlich die Beharrlichkeit der Bittstellerin, ihre Spur von Widerstand und Unvereinbarkeit mit diesem System.

Parastou Forouhar hat hier eigene Erfahrungen verarbeitet. Der Film "Schuhe ausziehen" ist nicht nur ein Behörden-Comic, sondern auch ein zeichnerischer Essay zum Begehren der Tochter auf Akteneinsicht über die Ermordung ihrer Eltern am 21. November 1998, während einer Welle politischer Morde im Iran. Die Eltern Parastou Forouhars waren prominente Oppositionspolitiker, sie wurden in ihrem Haus in Teheran überfallen und erstochen.

Prof. Dr. Hermann Pfütze - Tausendundein Tag

blog.parastou-forouhar.de                                                                                              © Parastou Forouhar          Dank an Markus Friedrich